Am Rande der Ebene, nahe einem Felsberg und etwas
Buschwerk für die Kamele wird unter einer Akazie Mittagsrast
gemacht. Ich steige von Ebbedit ab, trinke die halbe
Wasserflasche leer und schon ziehts mich auf den nahen
Berg. Die Blicke von oben sind für mich einfach ein Muß.
Die anderen wissen mittlerweile schon, wo ich regelmäßig zu
finden bin, wenn das Essen fertig ist. Erstaunlich ist für
mich, wie die Tuareg es immer schaffen, frischen Salat und
Gemüse auf die Eßmatte zu bringen. Es schmeckt hervorragend.
Danach bin ich wieder auf dem Berg. Gewaltige Felsquader und
sonstiges Geröll liegen oben herum und man muß beim
Klettern schon sehr vorsichtig sein. Eine Mütze und anderes
mehr zwischen den Quadern zeugen davon, daß ich hier nicht
der erste bin. Auch wunderschöne goldene Sanddünen haben
sich abgelagert. An der höchsten Stelle auf einem gewaltigen
Felsbrocken lasse ich mich nieder. Der Blick geht weit: Den
Berg runter, der sich in die dunkle Ebene ergießende Flußlauf
mit Büschen und einigen Akazien darin, die weite, schwarze
Ebene mit ein paar Felsburgen und ganz am Horizont erkenne
ich sogar die gewaltigen Dünen des Erg Kasa, die wir ja
durchquert hatten. Rückwärts geht der Blick auf das Gebirge
des Tadrart mit den weißen Waditälern. Auf einem der gegenüber
liegenden Berghänge krabbelt der bunte Punkt und auch Renate
wandert herum und findet dann ihr Aussichtsplätzchen. Erst
als die Kamele sich dem Lager wieder nähern, verlasse auch
ich meinen Aussichtspunkt. Beim Runtersteigen entdecke ich
doch tatsächlich ehemaligen leicht gewellten und heute
versteinerten Meeresboden. Er ist in Platten zerfallen und
wirkt wie ein exakt verlegter Fußboden. Welche Zeiten mögen
hier vergangen sein? An einem aufgerichteten Steinhaufen
finde ich noch eine Tonscherbe aus alter Zeit.
Durch ähnliche
Landschaften wie schon morgens geht es weiter. Immer zwischen
den Ausläufern des Tadrart und der schwarzen Steinebene. In
der Ferne hinter der Ebene die schwach erkennbaren Berge des
Ergs. Wadis mit weißem Sand und auch kleineren Dünen werden
durchquert. Der Himmel wird wieder dunkler, nachdem er über
Mittag etwas klarer geworden war. Die Kamele und die Tuareg
bleiben aber ruhig, so daß ich wohl wegen des Wetters keine
Bedenken zu haben brauche. Ich erinnere mich an die
eigentlich kaum glaubliche Tatsache, daß in der Sahara mehr
Menschen ertrinken als verdursten. Denn wenn es mal regnet,
dann kommen wahre Wasserfluten herunter. Da keine Vegetation
und auch kein Mutterboden vorhanden ist, die Wasser aufsaugen
und speichern können, rauscht das Wasser sofort die Hänge
herab, sammelt sich in Wadis und wächst in kürzester Zeit
zu reißenden Flüssen an. Karawanen ziehen nun aber im
Regelfall in diesen Wadis, weil der Boden meist eben und
etwas sandig und nicht mit für Kamele unangenehmen und gefährlichem
Geröll bedeckt ist. So kann es leicht zur Katastrophe kommen,
wenn die Karawane die Gefahr nicht rechtzeitig erkennt und
das Wadi verläßt.
Hier allerdings in den Außenbezirken würde sich das
Wasser schnell über eine große Fläche verteilt haben und
versickern. Eine echte Gefährdung dürfte somit für uns
jedenfalls ausgeschlossen sein. Verdursten werden wir wohl
auch nicht. Denn immer wieder mal tauchen ein oder mehrere
Fahrzeuge auf, die Hilfe holen könnten. Dennoch ist gerade
vor kurzer Zeit in dieser Gegend ein älterer Targi
verdurstet. Er war auf der Suche nach seinem Kamel, das
offenbar seine Fesseln abgestreift hatte. Als er nach zwei
Tagen immer noch nicht zurück war, ging seine Familie los,
fand ihn aber nur noch tot. Er war verdurstet.
Der Boden unter unseren Kamelen wird felsiger. Überall
tauchen jetzt einzeln stehende, bizarre Felsgebilde auf. Sie
wirken wie trutzige Burgen und Festungen in der Ebene. Der
Himmel wird zugleich immer dunkler, die Sonne ist schon völlig
verschwunden und eine geheimnisvolle Düsternis breitet sich
um uns aus. Wenn mir auch nicht ganz wohl dabei ist, so bin
ich doch fasziniert von dem, was sich unseren Augen hier
bietet. Wieder denke ich an das US-Monument Valley. Es wird
noch düsterer. Und tatsächlich
Es fängt in der
Sahara an zu regnen. Ca. ein Mal in fünf Jahren regnet es im
Tadrart und wir sind die "Glückspilze", dieses
Spektakel zu erleben. Aber Gott sei Dank schüttet es bei uns
nicht, sondern es bleibt bei wenig Regen, der auch nur kurz
anhält. Meinen Regenschutz, den ich vorsorglich schon mal
parat genommen habe, kann ich wieder verstauen. Die schwarze
Wolkenwand zieht hinter uns vorbei in Richtung des Ergs. Die
Sonne kommt jetzt sogar hervor und bescheint das ganze
Szenario. Herrlich !! Weit im Hintergrund leuchtet selbst der
Ergrand schwach auf. Und dann
Es ist doch nicht zu
fassen. Ein Regenbogen mitten in der Wüste. Wer hat das
schon mal erlebt. Wir sind alle begeistert. Auch Renate genießt
die seltene Erscheinung von höherer Warte; sie strahlt, wie
auf dem Bild unschwer zu sehen ist. Daß sie dabei auf einem
regelrechten Stinktier sitzt, schmälert ihre Begeisterung
nicht. Ihr Kamel hat nämlich die Angewohnheit, von allen
Kamelen mit Abstand am meisten zu fressen; die Folgen sind
entsprechend. Ihr "Brauner" ist vorne ständig am Rülpsen
und stößt dabei die fürchterlichsten Geruchsschwaden aus;
ja und hinten knattert er wie mit einem Maschinengewehr mit
den ebenfalls bekannten Gerüchen. Renate sagt - trotz
unserer Frotzeleien - dazu nur noch: " Es ist halt von
Natur aus so." Wir vermeiden es allerdings ihr zu nahe
zu kommen, wenn sie auf ihrem Thron sitzt. Oben muß die Luft
aber wohl doch besser zu sein, denn ich kann mir kaum
vorstellen, daß eine so appetitliche Frau es ansonsten bei
dem Gestank - wie er unten ist - aushalten würde.
Es klart bei uns immer stärker auf und die dunklen Wolken
brauen sich jetzt voll über dem Erg Kasa zusammen. Eine
andere Gruppe, die wir später trafen, hat dagegen die ganze
Wucht des Unwetters im Erg Murzuk erleben können. Es war bei
ihnen schon spät am Abend als es losging. Unglaubliche
Massen an Wasser stürzten über sie herein. Sie konnten nur
noch in die Autos fliehen. Dennoch ist ihr gesamtes Hab und
Gut pitschnaß geworden und es muß den ganzen folgenden Tag
gedauert haben, bis alles wieder einigermaßen trocken wurde.
Im Erg ist ein solches Unwetter allerdings nur wenig gefährlich.
Das Wasser versickert schnell, die Sandmassen saugen das Naß
auf und geben es dann nur dosiert wieder ab. Die Nacht war für
die Gruppe aber dahin. Warum nicht auch einmal ein solches
Erlebnis in der Sahara?!
Wir jedenfalls erreichen alsbald ein weites, sandiges und
mit genügend Buschwerk bewachsenes Flußbett in der Ebene.
Es wird unser Übernachtungsplatz, da hier die Kamele
ausreichend Futter finden. Insofern bestimmen letztlich bei
Karawanen immer die Kamele, wo pausiert oder übernachtet
wird. Meinen Seesack deponiere ich in einer leichten
Sandkuhle mit Blick in die Ebene und auf einen einsam
stehenden Baum. Der Wind frischt jetzt wieder auf. Für den
Fall weiteren Regens soll das einzige Zelt, das wir mitführen,
aufgebaut werden. Die Klamotten könnten dann trocken
gestellt werden. Es ist ein Rundzelt, das zwar leicht
aufgebaut und in sich stabil ist, doch wie in dem Sand
befestigen. Wir werden losgeschickt, um schwere Steine zu
sammeln. Ich hab so meine Bedenken, ob unser Bauwerk wirklich
an Ort und Stelle bleiben würde. Mir ist mein Regenschutz,
eine große Plastikhaut, die ich um meinen Schlafsack wickeln
könnte, doch sicherer. Der Seesack ist im übrigen aus
wasserdichtem Material.
Das Abendessen gestaltet sich bei dem wehenden Sand etwas
schwierig. Heute gibts bei uns erstmalig gleiche Kost
wie bei den Tuareg. Unterhalb der Glut im Sand gebackenes
Brot, das von uns kleingebrockt in eine große Schüssel
gegeben und dann mit Fleisch und Sauce gegessen wird. An dem
frischgebackenen, heißen Brot verbrenne ich mir beim Zerbröseln
auch gleich mal die Pfoten. Die Tuareg müssen wohl schon
ausreichend Hornhaut an den Fingern haben, denn sie packen
das Brot sofort problemlos an. Das frische Brot schmeckt
wirklich gut. Das Hammelfleisch wird von uns jedesmal weniger
gegessen. Man sieht in der Dunkelheit schlecht was man
bekommt und wenn auf einmal ein kräftiger Brocken reines
Hammelfett im Mund ist, weiß man in Gegenwart der anderen
nicht so recht, wie man es unauffällig wieder herausbekommt.
Ablenkung tut not. Heute ist aber kein Sternhimmel zu sehen,
auf den man verweisen könnte. Man bleibt also stumm und
schafft es dann doch irgendwie. Der Sand bewahrt sein
Geheimnis.
Die Nacht vergeht problemlos. Beim Aufwachen geht gerade
die Sonne im Dunst auf. Ein wunderschönes Bild mit dem Bäumchen
im Vordergrund. Ich krame noch im Schlafsack liegend nach der
Kamera und mache es. Bereits nachts hatte ich diesen Blick
einmal gehabt; es war als ob eine helle Neonröhre für
mehrere Sekunden die gesamte Landschaft erleuchtet hätte.
Ein solch langes, gleichmäßiges Wetterleuchten habe ich
noch nie erlebt. Der heutige Ritt (für die anderen
eigentlich mehr Wanderung) soll keine 7 Stunden wie gestern
dauern. Die Sonne lacht jetzt vom Himmel. Ebbedit schaut mit
seinen großen Augen unter den hübschen, langen Wimpern
zufrieden auf die gemächlich vorüberziehenden ebenen Sandflächen
und die einzeln stehenden Bergkuppen. Alles sieht licht und
freundlich aus. Wir begegnen einer Herde Ziegen. Und - der
Zufall will es - die zweite SUNTOURS - Gruppe kommt mit ihren
Jeeps geradewegs auf uns zu. Es gibt natürlich ein großes
Hallo. Jeder will vom anderen wissen, wie seine bisherige
Tour verlaufen ist. Auch sie sind begeistert und schwärmen
insbesondere von dem für Touristen erst seit kurzer Zeit
freigegebenen Gebiet um Aramat (ca. 100km nord-westlich von
Serdeles). Es muß traumhaft sein. Bald fahren sie weiter
Richtung Erg Murzuk und wir tappen in Richtung Serdeles.
Gegen Mittag ist die Bergwelt wieder erreicht und unser
ausgewähltes Wadi führt direkt hinein. Unter überhängendem
Fels bestaunen wir eine Malerei, die hauptsächlich
kriegerische Szenen zeigt. Unser Mittagsrastplatz ist nicht
mehr weit. Eine schweizer Gruppe, die in der Nähe gelagert
hat, reitet gerade ab. Man staune: Bei ihnen reitet die ganze
Gruppe. Ein Kamel ist den Schweizern allerdings abhanden
gekommen.