Nach dem Essen wandere ich los, um möglicherweise die
gesichteten Felstürme zu erreichen. Es ist aber weit und ich
bin mir nicht sicher, ob ich hinkommen kann. Drei Stunden
habe ich insgesamt Zeit. Ich merke mir ganz genau den Weg, da
es um etliche Ecken und Berge herumgeht. Denn verlaufen will
ich mich hier wirklich nicht; es ist aber prickelnd, so
allein weit davonzuwandern. Jetzt verstehe ich die Kamele.
Nach einer Stunde sitze ich auf einem Berggipfel und schaue
nach der einen Seite auf eine weite, von Bergen eingerahmte
Sandebene, nach der anderen Seite auf die Felstürme, die
herrlich in Sanddünen eingebettet sind, und in noch anderer
Richtung auf die dunklen Bergmassive. Die Wüste ist schon
toll, denke ich. Und ich freue mich, daß ich statt der
geplanten Woche auf der Insel Wangerooge nunmehr hier sitze.
Der Prospekt mit dem Hinweis, daß noch kurzfristig Plätze für
Libyen frei seien, kam genau richtig. Denn auf diese Idee wäre
ich sonst nicht gekommen. Aber auch Wangerooge ist schön.
Ich hab die Nordseeinsel ja gesehen, als ich Gabi von der
dortigen Schönheitsfarm abgeholt habe. Ein Bild bei Ebbe mit
Watt und Dünen gemacht, hätte ich im übrigen auch in dies
Album schmuggeln können; es wäre wahrscheinlich nicht
aufgefallen. Vielleicht werde ich ein anderes Mal länger in
Wangerooge bleiben, wenn, ja wenn
nicht wieder ein
Prospekt dazwischen kommt.
Beim (problemlosen) Zurückwandern staune ich nicht
schlecht. Eine Jeep-Karawane von 10 Fahrzeugen kommt plötzlich
über die Ebene gerauscht und verschwindet sogleich wieder
hinter Felsbergen. Diese Touristen tun mir leid, so durch
diese schöne Landschaft gescheucht zu werden. Unterwegs
entdecke ich im Bergfels noch zwei natürliche Stollen, die
tief hineingehen. Der eine Eingang gut verdeckt durch große
Steinquader. Ob darin was Interessantes sein mag? Aber ohne
Taschenlampe wage ich eine Erforschung denn doch nicht.
Bald ist Aufbruch. Und ich will es nicht glauben; es geht
im Wadi zurück und exakt auf meinen mittäglichen Hochsitz
zu. Direkt unterhalb wird sogar das Nachtlager aufgeschlagen.
Nun gut, ich kenn mich hier halt schon aus. Auf einer
wunderschönen Düne stelle ich meinen Seesack ab und steige
danach wieder aufwärts. Von oben beobachte ich das Treiben
der anderen und der Kamele. Renate zieht los auf die andere
Seite der Ebene, ebenfalls Philipp, Lilo fotografiert Kamele,
Klaus sammelt Holz, Hedwig kann sich nicht für einen
Liegeplatz entscheiden und wandert hier und dort hin während
Uli sich um die Lagereinrichtung bemüht. Abends am
Lagerfeuer warten die Tuareg mit neuer - für sie aber
durchaus gängiger - Wüstenunterhaltung auf: Denksportspiele
und Brett- oder hier besser Sandspiele. Das Tolle dabei ist,
daß sie keinerlei vorgefertigte Spielunterlagen benötigen,
sondern diese in Windeseile auf dem Sandboden selber
erstellen. Schachbrett oder Mühlespiel oder sonst notwendige
Spielzeichnungen werden verblüffend exakt lediglich mit den
Fingern erstellt. Vor Erstaunen und Bewunderung darüber
schauten wir uns nur noch gegenseitig an. Und es funktioniert
bestens. Figuren gibts aus Brot oder Steinchen.
Die Augen werden heute trocken; künstliche Tränen müssen
her, auch für Gudrun. Ein paar Regentropfen fallen nachts
sogar wieder. Ich hätte es aber im Notfall nicht weit zu
einem Felsüberhang gehabt.
Morgens strahlender Himmel. Wir wollen zuerst wandern, die
Kamele sollen später nachkommen. Die Ebene querdurch, an
eigenartigen Felsformationen und wunderschönen Dünen vorbei
auf die nächste weite Ebene, die mit einer dünnen
Steinchenschicht belegt ist. Ali sieht einfach so im Vorübergehen
eine Pfeilspitze. Sofort sind auch wir animiert und jeder
schreitet jetzt suchend weiter. Gefunden haben wir aber
nichts. Die Karawane holt uns ein und Gudrun, Philipp sowie
ich begeben uns aufs Kamel. Die Landschaft wird aber
bald zu schön; ich muß wieder runter und fotografieren.
Eine weite Fläche gelb-weißen Sandes, aus dem eine Unzahl
schwarzer Felsgebilde und Bergrücken herausragen, hat sich
vor uns geöffnet. Von rechts mündet zudem ein schwarz-weißes
Wadital ein. Wieder ein grandioses Bild! Ich setz mich, laß
Renate ein Photo von mir machen und bleib einfach sitzen bis
die Karawane fast außer Sichtweite ist. Jetzt heißts
aber schleunigst hinterher, denn in dem Felsgewirr verliert
man die Gruppe schnell.
Die Tour begeistert mich wirklich in jeder Hinsicht. Alles
klappt hervorragend. Die Organisation, die hier in Libyen von
den einheimischen Agenturen geleistet wird, ist bestens. Daß
Jaroschs nur gut ausgewählte Unternehmen einschalten würden,
war für mich klar. Deshalb fahre ich ja auch schon das
dritte Mal mit SUNTOURS. Ich habe einfach Vertrauen in ihre
Arbeit. Auch die Gruppe stimmt; wir verstehen uns alle
blendend. Erstaunlich ist allerdings, daß man aus dem persönlichen
Bereich der Teilnehmer eigentlich so gut wie nichts weiß. Außer
dem bereits Berichteten nur: Gudrun war verheiratet und hatte
offenbar eine schwere Kindheit aus Krankheitsgründen gehabt,
wie sie mal beiläufig erwähnte. Gerade um die Ecke vom
Finanzgericht arbeitet sie In einem Institut, macht
Befragungen in Firmen und veröffentlicht auch. Aber welchen
Inhalt ihre Arbeit genau hat, ist mir unverständlich
geblieben. Renates Mann ist tragischerweise letztes Jahr
verstorben. Sie hat zwei wohl schon fast erwachsene Kinder
und ist in der Grundschule tätig. Hedwig scheint
Sachbearbeiterin in einer Firma zu sein. In zwei Jahren geht
sie in Rente. Ob sie verheiratet ist oder war, bleibt für
mich offen. Lilo ist bereits in Rente und muß sich - neben
ihren vielen Reisen - hauptsächlich um ihre alte Mutter und
Tante kümmern. Uli war früher ganz bei Jaroschs beschäftigt,
hat dann jedoch - als die Lage in den wichtigsten Reiseländern
Algerien und dem Niger kritisch wurde - lieber ihre Lehrtätigkeit
wieder aufgenommen und ist jetzt in derselben Schule tätig
wie Renate. Aus Passion ist sie aber während der Ferien
weiterhin als Reiseleiterin tätig. Adoptiert haben Uli und
Klaus zwei Kinder aus Korea. Das wars im wesentlichen
schon, was ich zum Privatleben der Teilnehmer sagen kann.
Bezüglich unserer Tuareg siehts - was den persönlichen
Bereich anlangt - noch viel schlechter aus. Wie mag ihr übliches
tägliches Leben aussehen? Denn sie sind ja nicht dauernd auf
Meharée. Gerne wäre ich mal in eine Tuaregfamilie gekommen.
Die Tuareg sind die bekanntesten Vertreter der Sahara-Berber.
Einige Zehntausend von ihnen leben im äußersten Westen
Libyens. Ghadames und vor allem Ghat sind die libyschen
Zentren. Die Mehrzahl der Tuareg lebt jedoch in Algerien mit
der Ortschaft Djanet als Zentrum. Über die Grenze hinweg
bestehen vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen. Als
charakteristisches Merkmal der Tuareg gilt ihre Gewandung:
Die Männer tragen regelmäßig einen Gesichtsschleier, den
Tugulmust. Dieser ist für die Tuareg ein so wichtiges
Attribut, daß sie sich selbst als Kel Tugulmust bezeichnen,
als "die Leute mit dem Gesichtsschleier". Unsere
Chameliers zogen ihre Gardinen aber nur bei stark wehendem
Wind vors Gesicht. Leider muß ich sagen, da sie dann nämlich
wirklich königlich und besonders fotogen aussehen. Die
Frauen sind hingegen unverschleiert, wie im übrigen auch die
meisten mohammedanischen Libyerinnen.
Libyen spielt im Zusammenhang mit der Erhebung der Tuareg
in Niger und Mali gegen ihre jeweils von Schwarzen dominierte
Regierung eine bedeutende Rolle: Hier wurden und werden
Freiheitskämpfer ausgebildet und logistische Unterstützung
gewährt. Bei Verhandlungen zwischen den Staatschefs der fünf
Tuareg-Länder trat Oberst Kadhafi gar im Tuareg-Gewand auf
und hieß die Tuareg aller Länder bei sich willkommen. Wohl
wissend um die historische Vergangenheit - die
wahrscheinlichen Vorfahren der heutigen Tuareg, die
Garamanten, sind ja die Ureinwohner des Fezzan - erklärte er
kurzerhand alle Tuareg zu Libyern. Mit der Ölkrise und dem
von der UNO verhängten Embargo wegen des Jumboabsturzes von
Lockerbee fließen die Gelder aber nicht mehr so reichlich
und viele Tuareg, die aus anderen Ländern gekommen waren,
wurden wieder abgeschoben.
Bald habe ich zu unserer Karawane aufgeschlossen. Wir
ziehen durch ein wahres Felsengewirr und teilweise tiefen
Sand. Die Berge werden höher und sind von einer Unmenge an
Geröll bedeckt. Der weiche Sandstein zerbröselt bei dem ständigen
Wechsel von täglicher Hitze und nächtlicher Kälte offenbar
sehr schnell. Mit einem harten Gegenstand ist es auch kein
Problem, aus dem Gestein Sand abzureiben. Erdgeschichtlich
gesehen, dürfte das Tadrart-Gebirge daher nur ein kurzes
Gastspiel geben und wieder zu Sand zerfallen.
Unsere Mittagsrast wird inmitten des Gewirrs eingelegt.
Ich habe mir meinen Berg schon auserkoren. Nach dem Essen
mache ich mich sogleich an den Aufstieg. Über die vielen
losen Felstrümmer ist es allerdings nicht einfach. Auf dem
Gipfel noch eine glatte, natürliche Steinmauer, die ich
leider nicht mehr überwinden kann. In ihrem Schatten bleibe
ich sitzen und genieße zwei Stunden lang den herrlichen
Ausblick in alle Richtungen. Er geht auf einer Seite weit ins
Gebirge hinein und auf der anderen auf die flacher werdenden
Felsausläufer. Das Gewirr bekommt von oben aber Struktur und
erscheint nicht mehr so chaotisch. Nur Lilo und die Kamele
wandern unten in der Mittagshitze herum. Ich wähle einen
anderen Weg für den Abstieg, der mir leichter erscheint.
Unten komme ich auf eine glatte, fast viereckige Plattform
mit drei großen, runden Köhleröfen - so sieht s
jedenfalls aus; aber reine Natur! Die Gruppe lagert immer
noch unter dem Fels und Ali ärgert und jagt eine Agame, die
sich dann aber in ihrer Höhle in Sicherheit bringen kann.
Wir freuen uns insgeheim darüber. Da die Kamele diesmal
besonders weit abgehauen sind, bleibt mir Zeit. Ich wandere
zu einem von oben gesichteten riesigen Fels, der exakt wie
ein Pilz geformt ist und nur auf einem äußerst schmalen
Stamm steht. Toll ! Beim Umhergehen finde ich Tonscherben,
die unterschiedliche, fein ausgearbeitete Muster tragen. Die
Schönsten nehme ich mit nach Hause. .