Ich bleibe im Anblick dieser immer intensiver rot
werdenden Traumlandschaft sitzen bis es total dunkel geworden
ist. Meinen Schlafplatz muß ich jetzt aber noch suchen. Von
oben habe ich schon verfolgen können, wie von mir bereits
ausgewählte Plätzchen eines nach dem anderen belegt worden
sind. Gudrun und Renate haben leider auch die Schönsten
entdeckt und ihre Klamotten schon hingeschleppt. Etwas weiter
vom Lager entfernt finde ich aber noch eine hübsche, tiefe
Sandkuhle. Der mittlerweile stark auffrischende und kalte
Wind kann hier den mitgewehten Sand auch bestens drüberhinwegfegen.
Ein unschätzbarer Vorteil, wie mir Gudrun am nächsten
Morgen erklärt, da sie vor Kälte und wehendem Sand kaum
schlafen konnte.
Am Lagerfeuer macht mich Ali diskret auf meine Pulle
Osborn aufmerksam. So, so, als Mohammedaner in Libyen.
Versteckt vor den anderen Tuareg gieße ich einen Becher für
ihn, mich und ev. darbende Gruppenmitglieder voll. Ein kurzer
Schluck von Ali und der Becher ist halb leer. Ich staune
nicht schlecht. Auf meine Frage, ob unsere Tuareg auch
trinken, raunt er mir zu: "Nur der Fahrer Salah, die
anderen sind strenggläubige Moslems." Ich fülle noch
mal für Salah nach und Ali verschwindet damit in der
Dunkelheit. Bedankt hat sich Salah - auch bei den nächsten
Malen - allerdings nie, auch kein Augenzwinkern in stillem
Einverständnis oder sonst eine erkennbare Reaktion. Ali, Ali ...
Unser Abendessen wird unter diversen Verbeugungen vor dem
Sandwind - ähnlich dem Gebet in einer Moschee - eingenommen.
Dennoch knirscht Sand beim Kauen.
Das Sternenmeer erscheint -wie auch in den Nächten vorher
- erneut in voller Pracht. Es glitzert und funkelt über uns
und das helle Band der Milchstraße zieht sich quer über den
ganzen Himmel. Kein Widerschein, kein Licht, kein Lärm stört
hier. Und natürlich taucht auch der Komet Hale-Bopp mit
seinen täglich anwachsenden beiden Schweifen auf. Er wirkt
in dem Sternengewimmel besonders eindrucksvoll. Mit unseren
normalen Ferngläsern wird der Sternenhimmel nach Sternhaufen
und diffusen Nebeln abgesucht. Uli ist offenbar eine
passionierte Sternguckerin, denn sie kennt fast jede
Sternkonstellation mit Namen und weiß, wo sie zu finden sind.
Für alle Fälle hat sie sogar ein Sternenbuch im Rucksack
dabei. Leider sind wir noch zu weit nördlich, um auch das
Kreuz des Südens sehen zu können. So gegen 9.30 Uhr geht
dann der Mond, fast schon als Vollmond, auf. Die Sterne
verblassen jetzt zwar, dafür erscheinen im fahlen Licht aber
die Dünen wieder. Es ist eine herrliche Stimmung in und um
uns.
Irgendwann geht jeder mit einer Schaummatte (als
Bettunterlage) in der Hand in seine Schlafrichtung davon.
Gudrun zählt dabei sogar die Schritte bis zu ihrem
Nachtplatz, wie sie uns erklärt hat. Sie hat immer große
Orientierungsschwierigkeiten und muß sich besonders genau
Richtung und Entfernung merken; sie irrt - nach ihrer Aussage
- sonst wie ein blindes Huhn in der Gegend herum. Es ist
wirklich kalt geworden. Mein senkrecht gestellter, schon von
weitem sichtbarer Seesack ist bald erreicht, der Schlafsack
ausgerollt, noch ein Schluck zur Erhaltung der Gesundheit aus
der Pulle und dann hinein ins warme Nest.
Morgens komme ich nicht in die Gänge. Ich packe ein, hab
was vergessen, packe den Seesack wieder aus, da das was man
sucht, natürlich ganz unten ist und verstaue erneut. Der
Schlafsack gerät beim Einrollen zu groß und paßt nicht in
die Hülle; also nochmals. Beim Abtransport fühle ich die
Flasche Osborn; Seesack wieder auf und weicher verpacken. Die
anderen sind schon längst beim Frühstück. Zur
Toilette ist der Weg -um aus der Sicht zu kommen- hier weit.
Endlich reichts
doch schon besetzt. Später noch
einige Minuten auf die Düne, um das Panorama vor der Abfahrt
wirklich zu verinnerlichen. Die weite Tenne soll
hinuntergewandert werden, da man hier - lt. Ali - Artefakte (steinzeitliche
Werkzeuge und Gegenstände) aus dem Neolithikum, der
Jungsteinzeit, finden kann. Wir schwärmen aus und tatsächlich,
Ali mit seinem Adlerblick findet die erste Pfeilspitze.
Aufgeregt sind wir jetzt alle; jeder will was finden. Alle möglichen
Steine werden Ali vorgelegt, doch alles nichts. Ich bücke
mich und halte ein rundes, flaches Kettenglied mit einem Loch
in der Mitte in der Hand. Toll, alle sind begeistert und
beneiden mich, da so ein Stück recht selten ist. Ich werde
es Gabi schenken.