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Reise nach Ostpreußen
 
- III -
 

Flagge von Ostpreußen



     Therese aus Allenstein, eine waschechte deutsche Ostpreußin begleitet unsere heutige Tagestour. Geschichten über Mariellchens, Lorbasse, Jelbe von Eeiis und kleine Störche, die schon junge Lehrerinnen fürchterlich erschrecken können, gehen in breitestem ostpr. Dialekt über ihre Lippen. Es wird eine lustige Fahrt mit ihr. Rastenburg, das wir schon mal durchquert hatten, wird heute besichtigt. Als erstes die gotische Kirche St.Georg mit Wehranlage. Mir dauert's zu lange, deshalb sehe ich mich lieber außerhalb noch etwas um. Alte und neuere Häuser passen hier ganz gut zusammen, eine kleine Parkanlage und alles noch sehr, sehr ruhig um 10 Uhr morgens. Danach bleibt noch Zeit für Gabi und mich, im kleinen Zentrum eine Runde zu drehen. Das Rathaus, eine weitere große Kirche sowie recht hübsche, helle und neue Architektur mit kleinen, geschmackvollen Geschäften darin. Die pünktlich vereinbarte Weiterfahrt verzögert sich, da manche jetzt unbedingt noch auf die neue öffentliche Toilette wollen. Vorbei geht's an einer kräftig rauchenden Bierbrauereifabrik, ansonsten aber wieder herrlichster Sonnenschein in Ostpreußen.

     Ein völlig unerwartetes Bild: Der Wallfahrtsort Heiligelinde in einem Tal zwischen zwei Seen gelegen mit seiner phantastischen Barockkirche. Eine ockergelbe Säulenfassade auf weißem Grund mit Doppeltürmen. Bereits die heidnischen Pruzzen hatten diese von Wäldern umsäumte Stelle ausgewählt, um ihren Göttern zu huldigen, weiß Therese zu erzählen. Wunderwirkung wurde dieser Stätte nachgesagt, nachdem ein Schwerverbrecher am Vorabend seiner Hinrichtung hier aus einem Lindenast eine wunderbare Madonnenfigur geschnitzt hatte. Die Richter meinten nun, daß ein zu solchem Wunderwerk fähiger Mensch niemals schuldig sein könne und begnadigten ihn. So jedenfalls berichtet die Sage. Während der deutschen Ordenszeit gab es hier bereits eine kleine Wallfahrtskapelle, deren Dach die Krone einer gewaltigen Linde gebildet haben soll. Der legendäre Baum wurde denn auch zum Namensgeber des Ortes. Die Kirche ist rundum von einer Mauer, die innseitig einen Kreuzgang mitbildet, sowie von Baulichkeiten für Pater und Verwaltung umgeben. Nach obligatorischen Gruppenfotos strömen wir zusammen mit vielen anderen Besuchern ins Innere. Überaus prunkvoll das gesamte Interieur; es erschlägt einen fast. Über dem Eingangsportal beginnt eine wuchtige Orgel mit drei Türmen und beweglichen Figuren zu spielen. Alle sitzen mit nach hinten verrenktem Kopf andächtig da und lauschen dem Konzert. Es ist schon eine beeindruckende Gesamtatmosphäre. Später hören wir, daß die Kirche zu Kriegsende als Lazarett gedient hatte und die Russen rigoros sämtliche hier untergebrachten Verletzten erschossen.

     Weiter geht die Fahrt durch die typische masurische Landschaft nach Sensburg. Es ist ein hübsches Städtchen mit noch vielen alten Häusern gerade auch in der geschäftigen Hauptstraße. Zum Stadtnamen geht die Sage, daß vor langer Zeit ein gewaltiger Bär die Gegend um Rastenburg unsicher machte. Da kamen ihnen die Bauern vom Schoßsee zu Hilfe. Mit ihren Sensen zogen sie gen Rastenburg und hieben dort nach hartem Kampf dem Untier eine Tatze ab, die zum ewigen Gedächtnis mit dem Datum 1348 in ihr Wappen aufgenommen wurde. Fortan nannten sie ihr Dorf stolz Sensburg. Wir fahren lediglich durch. An der Peripherie taucht eine Reihe neuer, erst halbfertiger aber schon teilweise bewohnter Ein- und Zweifamilienhäuser auf. Therese erklärt, daß die Zinsen für Kredite sich in Polen auf bis zu 50% belaufen, was natürlich keiner bezahlen kann. Deshalb wird immer nur so weit gebaut - meist in Nachbarschaftshilfe -, bis das vorhandene Geld verbraucht ist und weiter angespart werden muß. Das Städtchen soll auch in großem Stil Europamöbel herstellen, die nach überall exportiert werden.

     Bald ist für heute unser südlichstes Ziel erreicht, das Flüßchen Krutinna. Es gilt als das sauberste und am ursprünglichsten belassene Gewässer in ganz Ostpreußen. Wir werden auf 10 Boote verteilt und eine Stakerfahrt geht los. Jeder Reiseveranstalter hat sie im Programm. Nun ja ganz hübsch, aber halt rein auf Tourismus abgestellt. Bei so vielen Booten, die hier hin und her staken, ist's mit der Ruhe und dem Genuß leider nicht allzuweit her. Dennoch scheint die Gruppe ganz zufrieden. Ein kleines Mädchen steht im seichten Wasser am Ufer und ist dabei, sich das Höschen auszuziehen; die herbeigeeilte Mutter versucht's vergeblich zu verhindern. Die Kleine spreizt die Beinchen und pieselt los. Alle von uns lachen amüsiert. Nur der Mutter ist die Peinlichkeit anzumerken, daß ihr Töchterchen genau in dem Moment, in dem Touristen die so klare Krutinna bewundern sollen, hier ihr Geschäft erledigt. Nach einer halben Stunde geht's zurück. Die nächsten Busse warten schon. Mittagessen ist angesagt. Das neue, mit grünem, lichtdurchlässigem Welldach versehene Restaurant ist nicht weit. Das nette ältere Pärchen aus Goslar hat Gabi und mir - wie die letzten Male auch schon - Plätze an ihrem Tisch freigehalten. Sie scheinen uns ins Herz geschlossen zu haben. Nur sie ist Ostpreußin. Suppe, Fisch und Nachspeise. Die Gerichte sind sicher nichts Exquisites, aber - wie bisher eigentlich immer -, eine ganz normale, vernünftige Hausmannskost. Ich bin's zufrieden. Die Inhaberin des Lokals macht einen flotten, geschäftstüchtigen Eindruck, die beiden attraktiven Kellnerinnen bedienen erstaunlich flink die doch recht große Gruppe. Mein Tischnachbar hat Probleme mit den vielen kleinen Gräten im Fisch und läßt das meiste dann liegen. Ums Haus ist ein kleiner Markt aufgebaut, der handwerkliche Souvenirs anbietet; immer natürlich auch Bernsteinsachen. Fünf große Reisebusse aus Deutschland parken hier.

     Wir fahren nach Nikolaiken, das auch als masurisches Venedig bezeichnet wird. Es ist wunderschön gelegen; der Beiname aber doch mehr aus dem Märchenbuch. Der Bus hält an der alten, etwas höher gelegenen Kirche. Wir wandern die Hauptstraße hinab. Ein Bernsteingeschäft liegt hier neben dem anderen. Es sind luxuriöse Läden mit großer Auswahl an Schmuck. Unsere Damen wandern alle rein und kaufen recht ordentlich. Gabi und mir erscheinen die Sachen etwas zu klobig und eher für ältere Herrschaften geeignet. Wir verabreden, daß ich wenigstens ein Schmuckstück als typisches Souvenir, jedoch aus Lötzen mitbringen werde. Wir wandern noch ein bißchen im Städtchen mit seinen vielen erhaltenen kleinen Häuschen herum und trinken unseren Kaffee am Zentrumsplatz. Gegen 5 Uhr geht's zu unserem Hotel "Gwarek" zurück.

     Eine wichtige Sache wollen wir heute noch erledigen. Gabi hat die Idee, ihrem Opa, der Lötzen und die Masuren so geliebt hat, Erde für sein Grab mitzunehmen. Durch den Opa kannte Gabi ebenfalls von klein auf bis zum Überdruß die Namen Lötzen und Masuren. Wenn sie ihn früher gut stimmen wollte, brauchte sie regelmäßig nur das Gespräch auf Lötzen zu bringen. Auch ich hatte natürlich schon beim ersten Kennenlernen seine volle Zuneigung, als er von meinem Geburtsort erfuhr. Im Gedächtnis ist uns beiden vor allem die so oft gehörte Geschichte von seinem Schwimmenlernen in Lötzen geblieben. Nun soll er diese geliebte Erde wenigstens auf seinem Grab wiederhaben. Neben dem Hotel führt ein kleiner Wanderweg parallel zum See durch den herrlichen, dichten Wald. Die Sonnenstrahlen scheinen nur hier und dort bis auf den Waldboden herab oder lassen das Blätterdach stellenweise hellgrün aufleuchten. Manchmal zeigt sich auch das blaue Wasser zwischen den Bäumen. Es ist ein wunderschöner Spaziergang. Dort wo der Weg sich dann endgültig verliert und wir umkehren müssen, klauben wir ein Häufchen Erde zusammen. Es hat jetzt seinen endgültigen Platz beim Opa gefunden; er wird darüber glücklich sein.

     Eine 2-Mannkapelle spielt abends in der Bar zum Abschied von Lötzen auf. Alle versammeln sich heute. Fahrer Helmut sitzt bei uns und erzählt von seinen privaten Problemen mit Frau und Kind, die getrennt von ihm leben. Das Piwo schmeckt ihm dennoch. Auch die beiden Grazien von vorgestern sind wieder da und sitzen genau in meinem Blickfeld. Bereits nach kurzer Zeit bekommen sie aus unserer Gruppe einen Cocktail spendiert. Die Hübschere von beiden trägt wieder Mini. Im Sitzen zeigt sie jetzt ihre wirklich aufregenden Beine fast in voller Länge. Deren Wirkung auf die Männer scheint sie jedenfalls zu kennen. Äußerst geschickt, ganz lässig - wie rein zufällig - werden die Beine mal so übergeschlagen, mal nach der anderen Richtung, dann wieder langgestreckt oder angezogen, mal auch leicht gespreizt, aber immer schön langsam, genüßlich und aufreizend. Die Männerwelt schaut - wie ich bemerke - zwar verstohlen, jedoch fasziniert zu. Erst als das Faßbier zu Ende geht und laues Flaschenbier ansteht, leert sich endgültig die Bar.







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     Für die Gruppe und auch für Gabi ist heute Abschied von Lötzen. Ich fahre zwar ebenfalls mit, komme aber von Danzig mit dem Zug wieder hierher zurück. Ich bin wirklich froh, eine weitere Woche in Lötzen bleiben zu können. Gabi bedauert zutiefst, bereits weg zu müssen; Lötzen hat es ihr ebenfalls angetan. Die Fahrt geht das 3. Mal nach Rastenburg, weiter bis Bartenstein nahe der Grenze und jetzt beginnt Neuland. Recht enge Täler befinden sich hier zwischen den Hügeln, auch viel Wald und abgeerntete Felder. Die winzigen Dörfchen und Höfe erscheinen hinterwäldlerisch und vergammelter als sonstwo. Dennoch wirkt es wie verträumt. Begeisterung kommt jedes mal im Bus auf, wenn ein noch zurückgebliebener junger Storch irgendwo im Feld herumstakt. Diese schon von Kindheit auf als Babybringer so vertrauten Vögel sind einfach etwas ganz besonderes mit ihrem schwarzweißen Federkleid und dem langen roten Schnabel. Herrlich gerade hier in Ostpreußen sie zu sehen.

     Mehlsack und Braunsberg werden nur durchfahren. Die Namen wecken bei einigen Reiseteilnehmern offenbar traumatische Erinnerungen; ich sehe zum ersten mal auf der Reise Tränen fließen. Die Ortschaften lagen 1945 im Zentrum des Heiligenbeiler Kessels, der so fürchterlichen Einschnürung Rest-Ostpreußens durch die Rote Armee. Gleiches gilt auch für Frauenburg unmittelbar am Frischen Haff, das wir jetzt erreichen. Eine gewaltige Domanlage mit vielen Türmen und Türmchen in kräftigem Ziegelrot erhebt sich auf einem Hügel mitten in der kleinen Ortschaft. Durch ein großes Tor in der - den Komplex umgebenden - Wehrmauer gelangen wir in den Innenhof. Wuchtig steht der Dom darin sowie einige ausgewachsene Kastanienbäume. Das 3-Farbenspiel des stahlblauen Himmels, des grünen Blätterdachs der Bäume und der karminroten Domfassade mit Mauer begeistert mich. Auch das Kirchenschiff mit seinen Pfeilern ist gewaltig, alles ist in weiß gehalten mit vielen Altären, Gemälden sowie Grabstätten verstorbener Bischöfe. Gabi und ich wandern einmal rund und setzen uns dann, um den Eindruck zu verinnerlichen; die Gruppe läßt sich das erklären, was sie sofort wieder vergessen wird. Danach steigen wir den großen Glockenturm in der Mauer hoch, der einen weiten, herrlichen Blick auf die schilfbewachsene Küste, das Frische Haff und auf den schmalen Streifen der 11 km entfernten Nehrung am Horizont gestattet. Einige Reiseteilnehmer erscheinen mir geistig wie abwesend und in sich gekehrt. Ich bleibe so lange wie möglich oben und schaue über das Dörfchen mit seinen rot-orangen Dächern und das scheinbar endlose Haff. Im Turm sind Bilder eines modernen Malers ausgestellt. Unten befindet sich ein kleines Kopernikusmuseum, denn hier hatte der Astronom sein Observatorium eingerichtet. Er war es auch, der die Sonne in den Mittelpunkt des Weltsystems rückte und die Erde lediglich um sie kreisen ließ. Ein (später) eingebautes, ca. 35 m langes Schwere-Pendel im Turm erweist anschaulich die Rotation der Erde. L. Foucault hatte 1851 in Paris mit solcher Anordnung erstmalig den Nachweis der Erddrehung erbracht, da die Schwingebene eines Pendels im Raum bestehen bleibt.

     Die Mahlzeit im Restaurant neben der Befestigungsanlage dürfte das bisher beste Essen gewesen sein. Wieder draußen gehen einige von uns bis an den Hügelrand. Er bietet dort durch die Bäume nur einen schmalen Ausblick auf das Frische Haff. Dennoch wird diese Stelle für mich zu einem der beeindruckendsten Orte der gesamten Tour. Einer grauhaarigen Dame schießen Tränen in die Augen und man merkt, daß sie sich nur mühsam wieder fassen kann. Erst nach einiger Zeit beginnt sie stockend und auch nur wenig zu berichten. Sie war als junges Mädchen bei dem fürchterlichen, endlosen Flüchtlingstreck im Februar 45 über das zugefrorene Haff dabei. Mit Pferdewagen, zu Fuß, bepackt mit den wenigen Utensilien, bei grimmiger Kälte 11 km bis zur Nehrung. Immer wieder brachen Menschen, Pferde, Wagen um sie herum ins Eis ein und waren verschwunden. Ganz einfach nur verschwunden, einfach weg. Das Eis war drüber. Niemand kümmerte sich drum, jeder wollte nur selbst diesem Inferno entkommen. Sie hatte ihren kleinen Bruder auf dem Arm und der schrie. Von oben her waren immer russische Flieger da. Sie schossen erbarmungslos in die fliehenden Menschen, in Frauen, Kinder und alte Leute. Irgendwann hatte sie es geschafft, die Nehrung zu erreichen. Von dort weiter nach Danzig; vier Wochen war sie unterwegs. Hunger, immer wieder Hunger. Laufen, laufen, manchmal auch irgendwie mit dem Zug oder zusammen mit zurückweichenden deutschen Soldaten auf Lastern. Wie sie es geschafft hat, weiß sie nicht mehr. Sie will es auch nicht mehr wissen. Wir sind alle still… Dann beginnt eine weitere Frau zu erzählen. Sie war auch dabei.

     Hügeliges Land auch hier in der Nähe des Haffs bis nach Elbing. Eine recht große Stadt, die durch den Krieg fast völlig zerstört gewesen sein soll. Wir fahren im Halbkreis außenrum und kommen auf eine neu ausgebaute Straße Richtung Danzig. Lang sehe ich noch den hohen und außergewöhnlich gestalteten Kirchturm aus dem Stadtzentrum. Leider erfahre ich erst später aus alten, noch erhaltenen Briefen, daß mein Vater in Elbing als Studienassessor gewohnt hat. Hier hat er den Brief an meinen Großvater nach Berlin geschrieben, in dem er um die Hand meiner Mutter anhielt. Das Flüßchen Nogat, das zwischen den beiden Weltkriegen die Grenze zur "Freien Stadt Danzig" bildete, wird überquert; bald auch die Weichsel. In der Ferne taucht die alte Hansestadt Danzig auf. Davor allerdings ein riesiges Kohlekraftwerk mit drei fürchterlich qualmenden Schloten, die bei Ostwind ganz Danzig einrußen, wie Irene bitter erklärt. Eine typisch kommunistische Rücksichtslosigkeit gegen Mensch und Natur, sagt sie. Wir fahren durch die sog. Dreistadt - Danzig, Sopot, Gdingen -, die keine Übergänge erkennen läßt sofort zum Hotel "Dom Marynarza". Es liegt schön im Grünen und direkt an der langen, gepflegten Uferpromenade von Gdingen mit weitem Blick über die Danziger Bucht und die fernen Docks und Kräne von Danzig.

     Während die Gruppe in die Kaschubische Schweiz ins Hinterland fährt, um Kinderfolklore zu erleben, wandern Gabi und ich lieber die Promenade entlang. An beiden Enden befinden sich feine Sandstrände, auf denen sich viele gebräunte Menschen tummeln. Sehr hundefreundlich scheinen die Polen zu sein, denn sie kümmern sich rührend um ihre Tiere; die Polen sammeln weitere Pluspunkte bei uns. Elegant und mit Schick gekleidet sind die reichlich vorhandenen Spaziergänger. Auch Jogger, Inliner, Rennradfahrer und viele hübsche Frauen auf Plateausohlen bevölkern die Promenade. Es könnte hier ohne weiteres Scharbeutz sein. Weit draußen in der Bucht liegt bewegungslos - wegen totaler Flaute - eine Segelbootregatta. Wir wandern bis zum Hafen und setzen uns vor eins der kleinen Imbißläden. Sie sind gut besucht und bieten eine herrliche Fischauswahl. Erstmals sehen wir einen abgerissenen Mann, der in Abfallkörben nach Eßbarem sucht und sich dann - nach Vergewisserung, daß ein paar Fritten und etwas Fisch tatsächlich als Reste übrig sind - blitzschnell den Pappteller schnappt und verschwindet. Auf der anderen Seite des Kais sind zwei stolze Dreimaster vertäut. Wir bleiben bis nach 6 Uhr in der warmen Sonne sitzen und beobachten das Kommen und Gehen der Gdingener. Was wir von der Stadt hier sehen, ist grün, leicht hügelig, weitläufig mit großen Häuserblocks neueren Datums und - man muß den Polen allgemeine Anerkennung zollen - es ist überall recht sauber. Gdingen wirkt jedoch unpersönlich. Abends in der kleinen Bar finden sich Helmut und weitere zum Piwo ein. Die Folklore soll - wie von uns erwartet - mit nachträglichen, mehr oder weniger erzwungenen Tanzversuchen durch Gruppenmitglieder zur Belustigung der anderen über die Bühne gegangen sein; ansonsten aber ganz nett. Die dabei servierten Kartoffelpuffer sind unserer Dicken aus Castrop-Rauxel auf den Magen geschlagen; wohl doch mehr wegen der Menge als des Öls, wie sie behauptet, wegen.

     Das reichhaltige Frühstück wird an großen, runden Tischen serviert. Gabis und mein Platz sind neben den Goslarern wieder freigehalten. Die hübsche Kellnerin mit den wohlgeformten Beinen und dem schwarzen, kurzen Rock mit Schürzchen, bedient leider nur nebenan. Wir freuen uns auf die Stadtbesichtigung. Gdingen ist erst durch die Entstehung des "Polnischen Korridors" in den 20er Jahren, ab dann aber rasend schnell zum (damaligen einzigen polnischen) Großhafen und zur Stadt herangewachsen. Fahrt durch Sopot, dem ehemals mondänen Bade- und Kurort, der auf drei Höhenebenen liegt und noch viele herrschaftliche, wenn auch ziemlich heruntergekommene Häuser vorzuweisen hat. Vor dem deutschen Konsulat eine lange Schlange von Polen, die offiziell eine Arbeitserlaubnis beantragen. Die berühmte Altstadt von Danzig liegt vor uns. Aurelia, unsere heutige Stadtführerin ist vom Schlage einer Therese und sammelt die Gruppe stets mit lautem "Hu Uu" und hoch erhobenem Stock mit Fähnchen ein. Sie erzählt, daß die Altstadt im Krieg nicht zerstört worden sei. Erst danach hätten die Russen Feuer gelegt und alles niedergebrannt. Das machte auch Sinn, da militärische Orden nach dem Grad der Zerstörung der Städte und Dörfer vergeben wurden und die Obrigkeit pauschal davon ausging, je zerstörter ein Ort, um so schwerer mußten die Kämpfe gewesen sein.

     Die Altstadt ist absolut sehenswert. Jede Hausfassade hat ihren eigenen Stil und unverwechselbare, reiche barocke Ornamente. Es macht Spaß, die einzelnen Straßen rauf und runter zu wandern. Gabi und ich gehen wieder alleine, um dem Gruppenzwang zu entkommen. Viele exklusive Geschäfte, auch Antikläden bitten zum Kauf. Wir erwerben aber nur Kathrinchen und eine Erinnerungstasse für die Sammlung von Gabi. Auch das Rathaus, die diversen Kirchen und alten Stadttore begeistern uns. Gewaltig die 25.000 Menschen fassende, gotische Marienkirche; sie ist die größte Backsteinkirche der Welt. Sie durfte nicht höher gebaut werden als die Marienburg des Hochmeisters des Deutsch-Ritterordens. Wir steigen im 78 m hohem Turm nach oben bis aufs Dach. Die Anstrengung wird mit einem grandiosen Ausblick über die Stadt, Umgebung und die Danziger Bucht belohnt. Die Struktur der Altstadt wird mir jetzt klar. Unten treffen wir die Gruppe wieder. Sie wartet vor einem Bernsteingeschäft auf einige sich noch drin befindende Kaufinteressenten mit Aurelia. Es ist typisch für Reisegruppen in aller Welt; für Sehenswürdigkeiten zu wenig Zeit, für Geschäfte dann reichlich. Die Provision der Reiseleitung lockt. Allein gehen wir weiter zum eigentlichen Wahrzeichen von Danzig, dem Krantor. Es liegt direkt am Schiffskanal und ist größtenteils aus Holz erbaut. Die Häuserfront am Kanal und die gegenüberliegenden, z.T. restaurierten Speicher geben ein prächtiges Bild ab. Das Mittagessen wird im neuen Novotel eingenommen.

     Danach Besuch des integrierten Städtchens Oliva. Wir wandern durch den wunderschönen, mit Baumalleen und toll geschnittenen Hecken versehenen Schloßpark. Eine im Inneren phantastische Kathedrale liegt gleich nebenan. Sie gefällt mir mit ihren Verzierungen, bepunkteten und in sich strukturierten Gewölben von allen bisher Gesehenen am besten. Sie wirkt beschwingt und macht andächtig. Unseren Besuch rundet feierliche Orgelmusik ab. Ein Brautpaar - sie in weiß - fährt gerade vor, als wir raustreten. Kann es eine schönere Hochzeitskirche geben? denke ich. Nach vielen Photos geht das Paar jedoch nicht in die Kirche, sondern folgt unserem Weg. Wohin? bleibt offen. Eine betrunkene Frau und drei Männer mit Fusel in der Hand sitzen unter einem Baum beim Bus. Zurück im Hotel wollen Gabi und ich die Sonne noch ausnützen. Wir promenieren wieder am Wasser entlang bis zu den Fischständen am Hafen. Erst zum Abendessen gehen wir zurück. Unser Platz ist wieder freigehalten. Es ist angenehm, mit unserem Goslarer Ehepaar zu plaudern. Die Bar ist bereits geöffnet und das Piwo schmeckt. Für die Gruppe und leider auch für Gabi ist Abschied. Unser Fahrer Helmut sollte weniger trinken, denn morgen früh um ca. 4 Uhr ist schon Abfahrt. Zum Ausklang des Tages sitzen Gabi und ich auf der Dachterrasse des Nachbarhotels mit Blick bis zur Lichterkette der Halbinsel Hela.







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     Nachts klingelt der Wecker. Gabi macht sich fertig und wünscht mir zum Abschied eine schöne zweite Woche in Lötzen. Vor dem Wiedereinschlafen höre ich den Bus noch abfahren. Aus dem Lunchpaket nehme ich mein Frühstück und fahr dann mit dem Taxi zum Bahnhof. Die Information benennt mir den Bahnsteig 4. Überall ist Rauchverbot, selbst auf den offenen Bahnsteigen. Aus den Fahrplänen und Anzeigen geht der Zug nach Allenstein aber von 5 ab. Andere Reisende bestätigen es mir. 3 Minuten vor Abfahrt leert sich mein Bahnsteig. Mit wehenden Fahnen sause ich wieder nach 4. Pünktlich um 9.15 Uhr ist Abfahrt. Ich sitze 1.Klasse im leeren Abteil. Danziger Hauptbahnhof. Er ist wunderschön neu renoviert durch…Mc Donald's. Der Lohn, drin ein Restaurant. Ein hagerer Mann mit himmelblauen aber traurig wirkenden Augen und nur einem Plastikbeutel in der Hand setzt sich mir gegenüber. Die Fahrt geht durch die tischebene Weichselniederung. Einzig Felder und wenige Gehöfte sind zu sehen; ab und zu auch ein Kirchturm in der Ferne. Mein Mitreisender versucht ein Gespräch. "Nie rozumiem" klaube ich meine wenigen polnischen Worte zusammen. "Niemiecku?" (deutsch) fragt er. "Tak" bestätige ich. Er kennt einige deutsche Vokabeln. Wieder das Phänomen, das mir schon bei Mamuscha aufgefallen war, die wenigen deutschen Worte absolut akzentfrei. Ob sie vor 50 Jahren gut deutsch sprachen? In Erinnerung werden mir die Wörter des Polen "Bruder" und "Scheiße" bleiben. Er kam nach dem Krieg aus Wilnius in Litauen. Er fährt heute nach Ostpreußen, vielleicht wohnt er dort. Wir schweigen im wesentlichen; die Verständigung ist einfach zu anstrengend.

     Marienburg wird erreicht. Einen kurzen Augenblick sehe ich die Feste des Hochmeisters. Eine gewaltige Anlage in knalligem Ziegelrot, wie eben frisch erbaut. Im Nov. 97 ist sie von der UNESCO zum Kulturerbe der Menschheit erklärt worden. Ein etwas grobschlächtig aussehendes Ehepaar kommt in unser Abteil. Sie packt belegtes Brot aus, er blättert in einem Touristenprospekt der Marienburg. Es ist ein völlig anderer Menschenschlag. Es scheinen Russen zu sein. Der Schaffner kommt kontrollieren. Die Beiden sitzen falsch und verlassen kurz das Abteil. Mein Gegenüber macht eine wegwerfenden Handbewegung und sagt dazu: "Russki, Scheiße". Sie steigen in Elbing wieder aus. Viele steigen zwar zu, leider aber nicht in unser Abteil. Mir wäre es lieber gewesen; das auf Dauer doch peinliche Schweigen wäre unterbrochen worden. Etwas Polnisch habe ich ja zu lernen versucht. Das Problem ist aber, Slawisch hat fast keine Ähnlichkeit mit den mir vertrauten Sprachen und fällt deshalb so schwer. Die typisch ostpreußische Landschaft zieht jetzt wieder vorbei. Preußisch-Holland, Mohrungen, Locken. An jedem noch so kleinen Ort hält unser "Schnellzug". Mir ist es recht, ich genieße es. Allenstein. Hier muß ich raus und mit dem öffentlichen Bus weiter bis Lötzen fahren; die Bahn macht leider einen gar zu großen Umweg. Wie gerne hätte ich das Erlebnis gehabt, - wie früher unsere Familie - am Lötzener Bahnhof auszusteigen und durch die Bahnhofshalle nach draußen zu gehen. Der Busbahnhof liegt gleich nebenan. Eine Stunde Aufenthalt.

     Viele warten hier, auch etliche jüngere polnische Rucksackreisenden. Es tut mir im Herzen weh, wieder so viele Polen und die Unmenge von bewohnten Plattenbauten in Ostpreußen zu sehen. Wie schon so oft frage ich mich, wo kommen diese polnischen Menschenmassen her. Jede Stadt, jedes Dörfchen ist doch voll bewohnt, auch jeder alte Bauernhof, jedes noch so kleine Haus aus deutscher Zeit. Und noch schlimmer der Versuch meiner Vorstellung: Mindestens so viele deutsche Menschen haben hier ehemals gewohnt und sind hier genauso herumgelaufen, wie ich es jetzt sehe. All diese Menschen sind schlicht weg, als ob sie nie dagewesen wären. Es ist nicht - wie nach 50 Jahren normal wäre - die nächste Generation die hier herumläuft, sondern es ist ein völlig anderes Volk. Es sprengt fast meine Vorstellungskraft, weil es eigentlich auch unvorstellbar ist, was sich hier zugetragen hat. Und all dies Furchtbare wird in Deutschland - in der Welt ohnehin - praktisch nicht wahrgenommen. Es geht einzig und allein stets nur um Hitler und von Deutschen begangene Verbrechen. Daß hier ein Völkermord an Deutschen und eine, wahrscheinlich sogar die größte und brutalste Vertreibung der Menschheitsgeschichte begangen worden ist, scheint offenbar irrelevant oder jedenfalls problemlos hinnehmbar und bedarf keiner weiteren Erörterung. Die Deutschen haben daran ja selber schuld! Als ob Russen, Polen, Amerikaner etc. kein eigenbestimmtes, eigenverantwortliches Handeln gehabt hätten oder dazu nicht in der Lage gewesen wären. Ein volles, blutiges Kapital der Weltgeschichte wird ganz bewußt nicht geschrieben. Es ist die Anklage gegen die sog. Siegermächte von Millionen deutscher Ermordeter, Geschändeter, Vertriebener und Kriegsgefangener. Darunter Tante Gerda, die 1948 - als psychisches und seelisches Wrack - aus Königsberg mit 34 Jahren "ausgewiesen" wurde. Was sie in den 3 Jahren Russenzeit erlebt hat, mag sich jeder selbst denken.

     Konsequent hier auch die deutsche Geschichtsschreibung. Sie hört 1945 bei Hitler auf und beginnt innerhalb der 4 Besatzungszonen bis zur Oder-Neisse wieder. Die Millionen Flüchtlinge aus dem weiten Osten werden allenfalls als Fakt, ohne jede Bewertung im Rahmen der neuen Grenzen hingenommen. Das erlebte Schicksal dieser Menschen ist nicht mehr als ein kleines Sätzchen oder eine Fußnote der Geschichte wert; sie wurden halt aus eigener Schuld verjagt oder sind eben "verschollen" geblieben. Wie könnte man Siegermächten auch Vorwürfe machen; sie würden es sich - unter Hinweis auf alleinige deutsche Schuld - verbitten. Zudem könnte es das Schwarz-Weiß-Bild vom bösen, brutalen Deutschen ja relativieren. "Wehe dem Besiegten" gilt offenbar auch in der Geschichtsbewertung. Und als weitere Erkenntnis: Jede Menge sog.Fakten schaffen durch Macht bzw. Gewalt. Allein Das zählt im Ergebnis offenbar und wird letztlich von der Völkergemeinschaft voll akzeptiert, da es sie selbst ja nicht unmittelbar betrifft. Durch das grausamste Beispiel fahre ich gerade.

     Die Stunde Wartezeit ist vorbei; pünktlich fährt der Bus auf Steig 7ein. Die Strecke über Sensburg bis Lötzen kenne ich ja schon. Lediglich ein kleiner Umweg wird gemacht, um ein weiteres, im Zentrum hübsches Dörfchen aufzusuchen. Es wirkt richtig proper und gemütlich. Auf Schornsteinen, alten Dächern und hohen unerreichbaren Gemäuern finden sich jetzt überall leere Storchennester. Diverse Getreidefelder wurden abgebrannt und sind nun schwarz gezeichnet; oder man sieht sie noch in den verschiedenen Richtungen brennen und qualmen. Irene hatte uns erzählt, daß Abbrennen verboten sei; dennoch machten es fast alle Bauern. Es sei am einfachsten und dünge zudem. Irene bewundere ich immer noch. Sie ist eine feine Frau, die weiß was sie will. Und am Beeindruckendsten für mich war… ihr Einfühlungsvermögen. Ich werde nie vergessen, wie sie, als Polin, den Übertritt nach Ostpreußen für uns Vertriebene so gefühlvoll gestaltet hat. Dazu bedurfte es wirklicher Größe. Ich weiß noch, daß ich -wenn auch mehr oder weniger unbewußt - äußerst gespannt war, wie sich gerade ein Pole in dieser doch ungemein schwierigen Situation verhalten würde. Irene war eine Stunde vor mir von Gdingen nach Warschau, in ihre Heimatstadt abgefahren.

     Der Bus hält am Lötzener Bahnhof. Die Sonne scheint wieder herrlich. Welche Unterkunft von Warias für mich vorgesehen ist, weiß ich immer noch nicht so genau; wahrscheinlich ihr außerhalb liegendes Privathaus, denn von dort wollte man mich - vor der Danzigfahrt - schon einmal abholen. Da ich aber in die herrliche Anlage am Kissainsee will, hatte ich mich absichtlich nicht weiter darum gekümmert, um nicht bösgläubig zu werden. Für 4,5 Zloty fährt mich das Taxi zum COS. Der Name war mir bekannt geworden, da auch Warias-Reisen dort ab und zu logiert. Ich staune nicht schlecht, allein die Berufung auf Warias genügt. Mit dem Bemerken, daß die Gruppe gegen Abend komme, wird mir problemlos in der weiten, schönen Anlage ein Zimmer zugewiesen. Auspacken möchte ich sicherheitshalber aber lieber noch nicht. Es geht mir etwas zu glatt.

- F o r t s e t z u n g - IV

Flagge von Ostpreußen
 

 

 

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