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Reise in die Mongolei und Wüste Gobi im Juli 2006


II

Wüste Gobi ~ Wüste Gobi



Man fährt und fährt und fährt in der Mongolei. Nur sehr, sehr langsam verändert sich die Landschaft, wenn sie sich überhaupt verändert; meist wird sie nur karger. Völlig vegetationslos sehen wir sie hingegen nur selten auf unserer Fahrt durch den Süden der Mongolei, der Gobi. Mir erscheint sie deshalb mehr als Halbwüste, ganz im Gegensatz zur Sahara. In früheren Erdzeitaltern brodelte hier in der Gobi allerdings das Leben. Es war ein Dinosauriergebiet. Versteinerungen dieser Urviecher kommen immer neu ans Tageslicht. Die Flaming Cliffs von Bajan Zag und Roten Schluchten als bevorzugte Fundstellen stehen folglich auch auf unserem Programm. Vor allem die Schluchten haben es mir angetan. Eine phantastische, erodierende, rötliche Landschaft mit einem tiefen, engen Schluchtensystem, das von uns erforscht werden will. Aus Gestein bestehen die Schluchten (und auch Klippen) eigentlich nicht, es ist nichts anderes als getrockneter Schlamm, den man bei Nässe - bei uns hat es wieder mal geregnet - sogar mit den Fingern abdrücken kann. Offenbar hat eine plötzliche, gewaltige Schlammflut die Dinos hier begraben und konserviert, denn man hat sogar noch in sich verbissene, kämpfende Dinos gefunden; von Sauriereiern und gewaltigen Knochen ganz zu schweigen. Besonders eifrig hat sich übrigens unsere Dagmar beim Sammeln von Dinoknochen hervorgetan. Und sie hat eine Menge gefunden. Stolz legt sie ihren Schatz den Fahrern zur Begutachtung vor und tatsächlich, ein halbes Kamel hat Dagmar zusammen getragen - aus der Neuzeit.

Saurierknochen als Tourist zu finden, dürfte schon eine Seltenheit sein, jedenfalls bei größeren Stücken. Und die dürfte man dann nicht mit nach Hause nehmen, so wie es früher Gang und Gebe war. Vor allem amerikanische Knochensammler haben die Dino-Gegenden regelrecht geplündert. Zum Kauf angeboten werden Knochen und Dinoeier aber auch heute noch, wie ein Souvenirhändler in Bajant Sag beweist. Gleich neben dran gibt's als Ausgleich in einer Jurte ein kleines Museum, das wirklich mächtige Knochenstücke dieser Urviecher gegen einen kleinen Obolus zur Bewunderung parat hält. In Ulaanbaatar soll jedoch die größte Saurierausstellung der Mongolei zu finden sein. Nomaden machen an den Flaming Cliffs mit Touristen zudem eigene Geschäfte. Haben sie nämlich durch Zufall einen Knochenfund gemacht, dann wird der Schatz nicht gehoben, sondern bleibt an Ort und Stelle. Gegen Entgelt führt er jedoch - uns z. B. - zu seinem Versteck, säubert vorsichtig und geheimnisvoll den Boden von Sand und Stein und siehe da, die Oberfläche eines großen Knochen tritt zu Tage. Anschließend kommt der Sand und Stein gewissenhaft wieder drüber und kein Mensch weiß, wo der Dino nun begraben liegt.

Auch die Geierschlucht oder Jolyn Am-Schlucht nahe der Stadt Dalanzadgat bzw. Dalandradgad (immerhin mit Bar, kleinem Markt, Flughafen sowie einem Triumphbogen weit vor ihren Toren) steht auf unserem Programm. Durch eine Matschpiste arbeiten wir uns mühsam voran. Seit gestern Abend schüttet es nämlich vom Himmel. Zwei im Schlamm versumpfte Busse - die touristischen Insassen hatten sich schon zu Fuß, fluchend und triefend ins Camp aufgemacht - werden befreit und schon wird der Himmel heller, wenn leider auch in der Gegenrichtung. In einem Gebirge liegt die Geierschlucht mit über 1000 m aufragenden Felswänden. Eingestimmt auf dies Gebiet wird man beim Besuch des kleinen Naturkunde-Museums gleich am Eingang zu diesem Nationalpark. Ausgestopfte Tiere, Bilder und alte Photographien kann man bewundern und erfährt, dass hier sogar Schneeleoparden leben. Ziehende Wolkenschwaden durch das Gebirge machen die Weiterfahrt recht stimmungsvoll, lassen die Höhe der Berge aber nur erahnen. Das Ende der Schotterpiste tief unten im Tal ist erreicht. Und jetzt heißt es laufen, will man nicht auf ein Kamel oder Pferd steigen. Saukalt und nass ist es in der immer enger werdenden Schlucht, die wir weiter hinunter wandern. Die Felswände rücken allmählich so nahe zusammen, dass nur noch der Bachlauf selbst Platz findet. Schließlich verschwindet auch das Bächlein unter einer Eisbrücke und damit ist das Ende unserer Wanderung erreicht. Bei der herrschenden Kälte wundert es mich jedoch nicht, dass sich hier einige Bänke Eis und Schnee bis in den Sommer erhalten haben. Ein Foto von mir vor dem Schnee will ich als Beweis mitnehmen. Gerne hätte ich noch eins der vielen pfeifenden Murmeltiere in der Geierschlucht mit auf dem Bild gehabt.

Das schlechte Wetter zwingt zu einer weiteren Übernachtung im Camp. Wegen Überfüllung muss unsere mittlerweile etablierte "Wodkagruppe" allerdings in einer Art Tempelchen kreuz und quer nächtigen, der Rest (unsere 2 Lehrerehepaare) erhält die letzte freie Jurte, obgleich - wie üblich - nur zwei Betten drin stehen. Helene als promovierte Dame zieht es vor, nicht zusätzlich in diese Betten zu huschen und logiert lieber allein im 2. Tempelchen hinter zerborstenen Fensterscheiben. Die totale Ausbuchung des Camps hat übrigens - neben dem Wetter - noch einen zweiten Grund, der ebenfalls dem Himmel zuzuschreiben ist. Am Spätnachmittag meine ich, ich spinne. Mit lautem Getöse sehe ich nämlich unmittelbar neben dem Camp eine große, 2-motorige Propellermaschine in wenigen Metern Höhe vorbeifliegen. Es kann nur eine Notlandung sein, rast mir durch den Kopf. Und das bei dem Dreck in der Wüste. Nun, ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Denn den kleinen Flughafen neben dem Camp habe ich bislang übersehen, da ein befestigtes Rollfeld auch nicht existiert. Geschafft hat es der Flieger bei dem Matsch zwar, doch weit entfernt steht er jetzt in der Wüste. Lange dauert es, bis er endlich aufs Camp zurollt und seine aufgeregte, blass gewordene Menschenfracht entlädt. An einen Abflug der hier wartenden Passagiere ist natürlich nicht zu denken. Sie müssen über Nacht bleiben und uns die Jurten wegnehmen. Von Dalanzadgat werden sie morgen nach Ulan Bator abfliegen.

Die nächsten Tage bringen Gott sei Dank wieder Sonnenschein, denn wir gondeln weiter westlich in die Wüste Gobi hinein. Matsch gibt es zwar immer noch, die Piste wird jedoch zusehens fester. Im Tal unter uns taucht das Dörfchen Sevrey auf. Was ich sehe, scheint mir reichlich Wasserverschwendung zu sein. Eine Rohrleitung kommt nämlich von unserem Berg herab, endet kurz vor dem Dorf und dort rauscht im dicken Schwall das Wasser einfach so in die freie Natur. Wasserfassen ist für uns angesagt und da eine der recht seltenen Tankstellen in der Gobi nicht weit ist, wird auch gleich getankt. Uralte Zapfsäulen wie vor dem Krieg hat es nach hier verschlagen, doch sie machen offenbar ihren Dienst. Der Einkauf steht noch aus. Im Zentrum von Sevrey gibt's dafür ein langes, flaches Steinhaus. Drinnen - man will es kaum glauben - reiht sich ein Geschäft ans andere und alle bieten das Gleiche an. Wo soll ich nur meine Bonbons kaufen? In einem tischplatten Nichts ist das Mittagessen angesagt. Gut 3 Stunden sehen wir schon die entfernte Bergkette, zu der wir jetzt abzweigen. Es ist der östlichste Ausläufer des Altai-Gebirges, wie ich noch erfahren werde. Eine Schotterpiste führt durch die schroffe Bergwelt bis auf einen niedrigen Pass hinauf und dort liegt nun im fernen Dunst ein Zauber vor unseren Augen.

Wir nähern uns nämlich den riesigen, ca. 180 km langen, paradoxerweise jedoch nur ca. 500 m - 3,5 km breiten Wanderdünen von Chongoryn Els, dem wohl schönsten Naturspektakel unserer Mongoleireise. Bis zu 400 m Höhe ragen urplötzlich und ohne jeden erkennbaren Anlaß gewaltige, gold-gelbe Dünen aus der steinigen, trostlosen Ebene auf. Damit aber nicht genug der Faszination: Genau abgegrenzt am Fuße des Sandwalls breitet sich ein ca. 200 bis 300 m breiter und sattgrüner Grasteppich aus - stets entlang der Dünen - und mittendrin mäandert noch ein kleines Flüsschen. Als i-Tüpfelchen grasen im Sattgrün mehrere Herden weißer Schafe, etliche Gruppen an Pferden sowie stolze Kamele hier und da. Ein Bild voller Harmonie und Schönheit. Wir sind begeistert und können uns nicht satt genug sehen, obgleich die Dünen noch ein ganzes Stück vom Camp mit dem hübschen Namen Juulchin entfernt stehen. Bis zum Abendessen sitz ich einfach nur so auf dem winzigen Mongolenstühlchen vor der Jurte und genieße dieses einmalige Panorama samt einem Wodka, während Klaus nebenan seinem Eheweib bissige Bemerkungen über Helmut Kohl aus einem dicken Buch vorliest.

Kamelreiten entlang der Dünen ist heute angesagt. Für mich an sich nichts Neues, wenn ich an die Meharee in Libyen denke. Also rauf aufs Kamel, diesmal allerdings zwischen 2 Höcker, wie es in Asien bei Kamelen eben üblich ist; Dromedare mit einem Höcker leben dagegen in Afrika. Der Sattel in Libyen war wirklich aufreibend für den Po, in der Mongolei hat man deshalb auf einen richtigen Sattel ganz verzichtet. Hier sitzt quasi Knochen auf Knochen, zumindest wenn man schlank ist. Und nach einer halben Stunde des Reitens bereut man schon zutiefst, diese Tortur sogar freiwillig mitgemacht zu haben; ein Teil der Gruppe war da schon klüger. Nur der berauschende Blick von oben auf unsere durch sattes Grün tappende Karawane vor den himmelhohen, jetzt fast weißen Dünen hält mich auf dem Kamel. Direkt am Fuße der Sandgebirges wird endlich eine - wohl von allen - heftig ersehnte, erste Rast eingelegt. Mein Kamel kippt vorne abrupt weg, dann auch hinten, schaukelt etwas aus und ich steige steifbeinig, aber freudig ab. Was für eine Wohltat für den Po. Erst jetzt kann ich das Panorama um mich herum so richtig aufnehmen.

Noch schöner müsste allerdings der Blick von den Dünen herunter sein, denke nicht nur ich, sondern auch Claudia. Und schon steigen wir beide aufwärts, Claudia in ihrer Jugendlichkeit ein bißchen schneller. Mächtig in die Beine geht das Tappen im steil aufragenden Sand. Der Dünenkamm scheint dennoch nicht näher zu kommen. Erst der Blick nach rückwärts zeigt, wie hoch wir tatsächlich schon sind. Klein ist die unten lagernde Gruppe samt der Kamele geworden. Nur Dagmar und Horst haben sich ebenfalls an den Aufstieg gemacht. Die halbe Höhe dürften wir etwa erreicht haben. Schwer sind die Beine geworden, eine Pause scheint mir angebracht. Im Sand sitzend genieße ich jetzt die weite Sicht über die unter uns liegende grün, braun gesprenkelte Ebene bis hinüber zu dem niedrigen Bergzug und die beidseitig endlos dahinziehenden goldgelben Dünen von Chongorin Els. Wie eine riesige Landkarte wirkt die Ebene mit Feldern, Wiesen, Flüssen. Die beiden Nachzügler sind ebenfalls eingetroffen und lassen sich geschafft in den Sand plumpsen. Nur Claudia wandert noch etwas höher, kommt dann aber zurück. Die Zeit bis ganz nach oben reicht einfach nicht. Wahnsinnig schnell sind wir dafür wieder bei den Kamelen.

Im Sand haben es sich die Kamele bequem gemacht und schauen uns mit ihren großen Augen unter langen Wimpern an. Die Mahlmaschine haben manche angeworfen. Von rechts nach links, von links nach rechts gehen ihre Kiefer, dann und wann gibt's vielleicht noch einen Rülpser dazu, von vorne oder von hinten. Saumzeug tragen die Kamele in der Mongolei nicht. Mit einem Strick muss man sie vielmehr lenken, der an ihrer empfindlichen Nase endet. Einen Holzpflock, der an einer Seite gespreizt ist, hat man den Tieren durch die Nüstern getrieben und den Strick dran befestigt. Keine so schöne Sache, wenn man Jungtiere mit noch blutender Nase zu sehen bekommt. Ihre beiden Höcker sind zur Zeit ganz gut gefüllt, was für das reichhaltige Nahrungsangebot spricht. Fett und nicht Wasser speichern sie dort nämlich. Gibt es wenig zu fressen, werden die Höcker erbärmlich und kippen um. Meinen Platz habe ich auf dem Kamel wieder eingenommen und schaue nun über das Flaumhaar auf dem von hinten lustig wirkenden Kopf ins Grün. Umgehend bilden die Kamele aus eigenem Antrieb erneut eine Karawane; die Reihenfolge ist ihnen dabei völlig schnuppe. Irgendeinen Sinn wird es wohl haben.

Eine zweite Erholung für den angeschlagenen Po wird im Sattgrün neben grasenden Pferden und Kamelen eingelegt. Es wird für mich zugleich eines der schönstes Landschaftserlebnisse an das ich mich erinnern kann. Mitten im Sattgrün neben zweihöckrigen, exotischen Kamelen zu sitzen, das himmelhohe, goldgelbe Sandgebirge vor Augen und friedlich grasende Wildpferde mit langen Mähnen um einen herum. Was will man eigentlich mehr? Vielleicht viel, viel Zeit, um einfach hier sitzen bleiben zu können und nicht wieder aufs Kamel steigen zu müssen. Das Zweitschönste wird dann jedoch das Absteigen im Camp und der Schwur, nie wieder ein Kamel mit zwei Höckern zu besteigen. Das freundliche Angebot des Kamelchefs am Spätnachmittag, noch zu einer Wasserquelle zu reiten, lehne ich angesichts meines Schwures ab und gehe mit Uli lieber zu Fuß; Horst schließt sich selbstlos an. Helmut und drei unserer Damen können es jedoch nicht lassen, polstern mit Decken ihr Kamel und steigen auf. So ausstaffiert wollen aber die Kamele nicht mehr. Trotz besten Zuredens, Ziehens, Zerrens, die Kamele bleiben stur. Stolz und mit erhobenem Kopf tappen sie jedoch problemlos in Richtung Heim davon. Die Quelle ist für Touristen eben nur zu Fuß zu erreichen und genau so erscheinen zu unserem Erstaunen die vier Reiter verschämt an der Quelle. Heilend soll das Wasser sein, meint Solo, für und gegen jedes Wehwehchen einsetzbar.

Nur eine einzige Durchfahrt durch die Dünen von Khongoryn Els soll es geben und nach dorthin sind wir unterwegs. Flach und flacher werden die Dünen; hunderte von Reifenspuren treffen sich, um gemeinsam auf die Rückseite der Sandberge zu gelangen. Hübsch kriminell sind die tiefen Spurrinnen, durch die die Räder wühlen. Kleine Sicheldünen links und rechts säumen die Durchfahrt. Geschafft; der Boden wird wieder fest, der Fahrer atmet hörbar auf. Ein Stop wird eingelegt, die Gruppe darf ausschwärmen. Für mich Gelegenheit, von erhöhter Warte ein Photo dieses Durchgangs zu machen. Weitere Fahrzeuge sind im Anmarsch, schaffen es ebenfalls und mindestens 25 neue Touristen verteilen sich jetzt über die Dünen, jeder in eine andere Richtung. Es wirkt wunderschön, die vielen krabbelnden Menschen so verteilt auf den riesigen Dünenhängen zu sehen. Eine Schotterpiste führt weiter bergauf, der Dünenwall bleibt zurück. Ein letztes Bild von den phantastischen Chongoryn Els Dünen aus der Ferne lasse ich mir nicht nehmen, dann verdecken schroffe, kahle Felsberge den Blick zurück. Ein trostloses Dorf hat sich zwischen dem fast schwarzen Felsgestein eingenistet und ich kann das junge Mädchen gut verstehen, das mit kräftiger Farbe dem Bretterzaun Leben einpinselt. Wie zu kommunistischen Zeiten beschallt ein Lautsprecher das ganze Dorf mit Musik und Sprache. In einer steinigen Ebene wird Mittagsrast eingelegt. In Erinnerung bleibt mir nur die nicht endende Kolonne an Schafen und Ziegen, die entfernt dahinzieht. Und der kleine Bube, der mit seinem größeren Bruder mindestens eine Stunde auf Wanderschaft ist, um von seiner Jurte bis zu uns zu kommen. Mit einigen Geschenken belohnt, tippeln die beiden wieder zurück.

Zwei Tage habe ich wegen des Kamels Probleme mit dem Sitzen und der Küchenwagen mit dem Getriebe. Gut, dass die Fahrer per Funk verbunden sind, denn die Küche fährt zuletzt. Bereits einmal hatte sie sich verfahren und konnte erst 40 km abseits in einem Nest mit dem Namen Huld gestellt werden. Alles Basteln unter dem Fahrzeug hilft - trotz der anfänglich weißen Handschuhe des Fahrers - aber nichts, ein Ersatzteil muß aus der nächsten Ortschaft her. Also Zeltaufbau und Zeit zur freien Verfügung für uns in der Prärie, während Solo - unsere nette, mongolische Reiseleiterin - sich mit einem Fahrer auf den Weg macht. Jeder der Gruppe wandert alsbald in irgendeine Richtung los, sucht hübsche Steinchen, Dagmar vielleicht wieder Dinoknochen, bewundert winzige Blüten, zählt die nur wenigen Halme auf einem Quadratmeter, bedauert das Kamel, dessen ausgebleichtes Skelett verstreut herumliegt oder versucht sich seinen noch lebenden Verwandten zu nähern. Touristen scheinen sie aber nie zu trauen, denn selbst die liegenden Kamele wuchten sich hoch und tappen langsam davon. Abendrot zeigt sich heute und gegen halb Zehn geht die Sonne unter. Nach dem Abendessen kreist unter den blitzenden Sternen wieder mal der Wodkabecher und je später der Abend, um so sicherer sind wir uns, dass Solo es heute nicht mehr schaffen wird. In der Dunkelheit hatten sie sich auf dem Rückweg denn auch verfahren, was jedoch nicht verwundern kann: Wegweiser habe ich in der ganzen Mongolei vielleicht drei an der Zahl gesehen.

Zur nächsten Ortschaft müssen auch wir. Schmunzelnd zeigt mir dabei der Fahrer drei Querspuren über die Piste, die aus seiner nächtlichen Irrfahrt stammen. Gottverlassen ist das Nest, das sich uns bietet. Es hat im wahrsten Sinne des Wortes aber goldenen Boden. Denn hier wird Gold geschürft und sogar das Waschsieb in Handarbeit ausgestanzt, wie ich in einer Jurte sehe. Wir jedoch dürfen - Gott sei Dank - weiter, denn windig und staubig ist es hier außerdem. Das schon recht nahe Nemengt-Gebirge wäre unser Ziel, wenn die Pisten es zuließen. Die aber laufen schon seit 3 Stunden stur parallel und der Himmel sieht mittlerweile bedrohlich schwarz aus. Genau zur richtigen Zeit tauchen zwei Jurten auf, um einem nahenden Sandsturm zu entgehen. Nur von kurzer Dauer wütet es jedoch um die Jurte, in der wir bei vergorener Stutenmilch im Warmen sitzen und handgewebte Textilien der Nomadenfamilie aus Kamelhaar bewundern. Endlich hat die Piste ein Einsehen und biegt in Richtung Nemengt ab. Alsbald liegen auch die Roten Schluchten vor uns. Kräftig geregnet hat es hier, merken wir spätestens beim Zeltaufbau. Butterweich sind die Heringe in den Boden zu drücken. Meine anschließende kleine Kletterpartie auf dem rötlichen Gestein ist nicht ganz ohne Gefahr. Es ist urzeitlicher, gepresster und fest gewordener Schlamm, der bei Nässe glitschig und an der Oberfläche weich wird. Sogar eine Spur hinterlasse ich auf dem Felsbrocken.

Wirklich kein Wunder, dass sich hier im Laufe der Zeit tiefe Schluchten in das rote Massiv gefressen haben. Eng und hoch sind sie auch. Geradezu ideal, um in einem Manne den Entdeckerdrang so richtig zu wecken. Und da hier ehemals Dinosauriergebiet war, könnte ich ja vielleicht einem Tyrannosaurus Rex begegnen, jedenfalls seinen Knochen. Also nehme ich mir gleich die erste Schlucht vor, die sich öffnet. Offenbar hat auch Dagmar, unsere Knochensammlerin, auf ein solches Erlebnis spekuliert, denn ihr idyllisch im rotem Gestein stehendes Zelt bewacht just diesen Eingang. Schon lugt ihr Kopf heraus. Näße und Feuchtigkeit herrschen am Schluchtgrund, ein kleines Rinnsal bahnt sich seinen Weg und ich versuche halbwegs festen Boden unter die Füße zu bekommen. Durch Matsch wate ich bis zur Abzweigung einer Nebenschlucht voran und in letztere hinein. Immer krimineller wird der Boden; jetzt geht's noch aufwärts. Mir reicht die Erforschung für heute, nicht mal einen kleinen Saurier habe ich aus den Schluchtwänden schauen sehen. Mit Dreck bis über die Schuhe genieße ich jedoch das Abendessen mit anschließendem Wodka.

Ein sonniger Tag bricht an. Alsbald verteilt sich die Gruppe im Dinoland. Von höherer Warte schaue ich über das zerfurchte, rötliche Gebiet. Phantastische Formen hat die Erosion hier geschaffen. Vor allem einzeln stehende Bergstöcke hat die Natur in Paläste umgestaltet, mit Simsen, Säulen, Portalen. Aber auch die Abbruchkante der ehemaligen Hochebene ist phantasievoll ausgeschmückt und natürlich turnt dort oben schon Claudia herum. Klaus und Ulrike klettern unter mir vorbei, gefolgt von Helene. In Richtung diverser Schluchten wollen sie offenbar, was mich ebenfalls interessiert. Der Boden ist Gott sei Dank heute einigermaßen fest. In verschiedene der Schluchten wandern wir hinein, auch in Abzweigungen, die meist allerdings schnell enden. Leider auch hier keine Hinweise auf Dinos, nur auf Ziegen, wie ihre Knittel zeigen. Dennoch macht es Spaß, in diesem überschaubaren Labyrinth mal herum zu wandern. Klaus will unbedingt auf die Höhe steigen. Erstaunlich, dass er in seinen Siebzigern noch so fit ist, denn schon winkt er von oben herab. Irgendwo auf der anderen Seite treffen wir ihn wieder. Claudia hingegen hat die Orientierung verloren und sucht unten nach den Fahrzeugen. Vielleicht ist sie deshalb so gerne auf der Höhe, um den Überblick zu behalten.

Eine Oase weit hinter den Nemengt-Bergen ist westlichster Punkt unserer Reise durch die Wüste Gobi. Touristen haben wir längst keine mehr gesehen. Regelmäßig ist für sie an den Chongorin Els-Dünen das Ende der Welt erreicht. Weiter nach Westen verirrt sich kaum jemand; dafür bedarf es schon mindestens 7 mutiger Frauen, denen man sich dann als Mann verschämt anschließen kann (um die Mindestzahl für die Reise zu erreichen). Sogar eine zehnköpfige und ausschließliche Frauengruppe im Mercedestruck konnte ich in Dalanzadgad sprechen, die hier im Niemandsland unterwegs war. Nun, spektakulär ist die Landschaft jedoch nicht, durch die wir fahren. Unendliche Weite und hier und da in der Ferne blaue Gebirgszüge; ähnliches kennen wir schon. Eine Erholung für die Augen bietet ein kleiner, aber sattgrüner Berghang am Rande einer hufeisenförmigen Abbruchkante mit rotem und weißem Gestein. Eine Wasserquelle ist für das Grün verantwortlich, wobei ich mich allerdings frage, woher sprudelndes Wasser knapp unterhalb des Gipfels kommen kann. Niedrige Sträucher mit kleinen, roten, essbaren Beeren dran, profitieren ebenfalls von dem Nass. Der Blick von oben geht weit über die Gobi. Ein markanter Berg in Form einer Doppelpyramide steht mitten drin. Er wird uns bis zur Oase nicht mehr aus den Augen kommen.

Die Weiterfahrt gestaltet sich außerordentlich schwierig. Ein Bachbett ist hier meist die Piste. Und da wir laut den Nomaden gute Touristen sind, gibt es heute sogar fließendes Wasser, an besonders kritischen Stellen zudem noch Regen. Unseren Fahrern und den Autos wird hier wirklich alles abverlangt. Matsch, Dreck, Gestein und stets die Frage, verläuft die Piste noch im Bach oder bereits außerhalb, denn Reifenspuren zweigen immer wieder ab. Auf der Piste zu fahren, bietet nämlich die größte Sicherheit für haltbaren, noch befahrbaren Untergrund, selbst wenn es ein einziges Schlammloch ist. Diese Abfahrt war falsch, also wieder zurück. Woran der Fahrer es erkannt hat, bleibt mir verborgen. Oft sind es nur kleinste Hinweise, hat Solo mal erklärt. Wir können endgültig das Bachbett verlassen. Auf der Höhe steht ein Schild und es weist aus, hier beginnt der Nationalpark Gobi, von dem ich noch nichts gehört habe. Ein Familienbild mit Schild muß einfach sein, meinen unsere Damen, zumal jetzt wieder die Sonne scheint. Die Oase mit viel grünem Schilf und kleinem See winkt zu uns herüber, auch Myriaden an Mücken und Bremsen scheinen sich schon zu freuen. Nach den ersten Stichen wird schnell klar, weshalb wir weder Menschen noch Tiere sehen: Die Oase ist wahrlich kein Paradies. Die Zelte werden weit ab aufgebaut und nur der Blick hinüber bleibt uns. Ob Horst tatsächlich im See gebadet hat - wie er behauptet -, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Ab jetzt geht es nach Norden, heraus aus der eigentlichen Gobi. Es scheint die Fahrer zu freuen, denn heute genießen sie zum Frühstück ihre Fleischsuppe besonders ausgiebig. Fleisch muß für einen Mongolen zu jeder Mahlzeit sein, wofür hält man sonst die vielen Tiere. Rebhuhnartige, auffliegende Vögel lassen unseren Fahrer denn auch lechzen: "Oaah, a very good soup". Fleisch bekommen natürlich auch wir zur richtigen Zeit und jede Menge Salate. Meist noch eine Melone zum Abschluß. Sogar 2 Vegetarierinnen sind mit von der Partie und voll zufrieden, was die rundliche, mongolische Küchenfee so alles zaubert. An dem Drama, dass bei mir einen Tag lang Wasser auch hinten heraus kam, trägt unsere Küche allerdings keine Schuld. Dafür mache ich das nicht voll durchgebratene Spiegelei im Camp schuldig. Schon beim Essen desselben ging mir durch den Kopf, woher das Ei wohl stammen mag, denn Hühner hatte ich in der ganzen Mongolei nirgends gesehen. 6 Pillen Imodium stellen bei mir die Richtung jedoch wieder korrekt ein. Den Joghurt der Nomaden habe ich vernünftigerweise die Gruppe erst mal ausgiebig vorkosten lassen; jedoch ohne Probleme, wie die nächsten drei Tage zeigen. Nur Helmut hat es irgendwann noch erwischt.

Mit Panoramablick nach vorne sitze ich praktisch schon seit Anbeginn unserer Tour durch die Gobi neben dem Fahrer, was mich ausgesprochen erfreut. Ursprünglich machte mal das böse Wort von der Sitzrotation oder gar Fahrzeugrotation die Runde. Gott sei Dank bestand letztlich aber doch keiner darauf. Irgendwie ist diese häßliche Frage eingeschlafen, obgleich Ulrike im anderen Fahrzeug wegen Rücken- und Beinbeschwerden in ihrem engen Sitz hin und wieder aufmuckt. Viel Unterhaltung habe ich vorne allerdings nicht, die findet hinter mir statt. Dort sitzen sich nämlich die 4 Wodkafrauen mit Helmut - meist noch mit Solo - wie in einem Salon gegenüber und bringen Stimmung in unsere fahrende Bude. Der Fahrer spricht - wie die meisten Mongolen - bis auf ein paar deutsche oder englische Brocken ausschließlich Mongolisch, eine eigene Sprache. Sogar eine eigene Schrift, die von oben nach unten geschrieben wird, gibt es in der Mongolei. Nach der Wende mußte sie allerdings erst wieder aktiviert werden. Man sieht jedoch fast nur Kyrillisch. Ohne unsere perfekt Deutsch sprechende Solo wären wir in der Mongolei wohl ziemlich aufgeschmissen gewesen, obgleich es für den Einkauf von Wodka, Bier und Bonbons durchaus reicht. Die zu zahlenden Tausende von Turiks der hiesigen Währung (1 EUR = 1.400 Turik) werden dabei mittels eines kleinen Taschencomputers zusammen gerechnet und uns als Endsumme gezeigt. Meist stimmt es auch.

Die Oase mit ihren Mücken ist hinter uns noch nicht ganz verschwunden und schon melde ich einen Photostopp an. Es ist mein Dankeschön an die Gruppe für den Beifahrersitz; als Ausgleich stelle ich ihr nämlich lohnende Photomotive vor, ob es den einzelnen nun passt oder nicht. Passt es nicht, dann bleibt z.B. Klaus stur im Auto sitzen und liest in seinem Buch über Helmut Kohl und auch Ulrike nimmt ihr Buch zur Hand. Claudia jedenfalls scheint Gefallen an meinen Service zu finden, denn alsbald sieht man sie schon auf dem höchsten Hügel stehen und fotografieren. So auch hier und ich hoffe innig für sie, dass ihre Kamera nicht wieder mangels ausreichender Kontraste in der Landschaft streikt. Wie rötliche Kuppeln sehen die Hügel aus und bieten einen phantastischen Blick hinab in eine weite Senke, die jenseits durch einen blauen Bergstock mit weißem Erosionsgestein an seiner Basis begrenzt wird. Unten taucht unsere Köchin auf der Piste auf und wandert in die Ebene hinein. Offenbar braucht sie Bewegung beim Schmieden der nächsten Mahlzeit. Auch wir genießen es immer wieder, vorzeitig los zu wandern und uns dann von den Bussen aufsammeln zu lassen. Etliche Kilometer werden manchmal sogar draus. Gute zwei Stunden dauert die Fahrt durch die Ebene und zu unserer Begeisterung tauchen neben der Piste erstmalig Springböcke auf. Es ist ein herrliches Bild, diese grazilen Tiere mit gewaltigen Sätzen dahin springen zu sehen. Leider sind sie schnell in der Ferne verschwunden. An der Erosionsstufe hätte ich mich gerne ein Wenig umgesehen, doch wir müssen weiter. Ein Bachbett wird wieder mal zur Piste, dann kommt erneut eine weite, sandige Plaine.

Ein winziger Hauch an Grün ist mittlerweile auf der Ebene zu sehen, der jedoch stärker wird, je weiter wir nördlich kommen. Es scheint, auch hier hat es in letzter Zeit kräftig gegossen, was dafür spricht, dass die 10 Weiber aus Dalanzadgat mit ihrem Truck hier durchgekommen sind. Die Kamele werden wieder häufiger, Schafe und Ziegen (sie zupfen meist gemeinsam) tauchen in immer größeren Herden auf. An einem Ziehbrunnen fast schon inmitten von Schnittlauch wird Rast eingelegt. Für die Augen eine Wohltat, nach der vorherigen Öde hier wirkliches Grün zu sehen. Etwas entfernt stehen drei Kamele und schauen sehnsüchtig zur Tränke herüber, kommen aber nicht näher. Ein LKW-Reifen, aufgeschnitten und in voller Länge ebenerdig festgenagelt, dient als Trog. Unseren Fahrern merkt man jetzt richtig die Freude an, der eigentlichen Wüste Gobi den Rücken gekehrt zu haben. Mächtig treten sie aufs Gas und schnell ist ein niedriger Bergzug erreicht, den wir durchqueren müssen. Was man sieht, will man kaum glauben: Vor dem Berg wachsen tatsächlich grüne Büsche. Beim notwendigen Fotostopp kommt das zuvor überholte Motorrad herangerattert und hält natürlich. Eine zerfurchte, uralte Mongolenoma sitzt quietschvergnügt auf dem Rücksitz und führt das Wort; der junge Fahrer hat bei ihr offenbar nicht viel zu sagen. Dann rattern sie weiter und unserer Gruppe auf der jetzt bösartig werdenden Piste einfach davon.


Fortsetzung: Kloster Ongij bis Orchon


 



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