Eingangsseite zur Reise nach Thüringen und Sachsen

Lotti's Reise nach Thüringen und Sachsen im Mai 2005




Vorwort

Dies ist mein persönlicher Reisebericht (mit ca. 19 DIN A-4 Seiten), rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Objektivität, oder Gerechtigkeit in der Sache. Gleichfalls sind mir die Ausdrucksweise und der Stil meiner Aufzeichnung völlig schnuppe; wie es mir aus der Feder (oder besser aus dem Computer) fließt, so steht es eben geschrieben. Mir geht es einzig und allein darum, für mich persönlich - wenn auch lediglich aus der Erinnerung - meine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken während der Reise festzuhalten. Erstens weil's mir Spaß macht und zweitens weil ich hoffe, dass ich mich später mal darüber freue. Wer es also außer mir lesen will, der hat selbst Schuld und ist selbst dafür verantwortlich.
Jede Ähnlichkeit der handelnden Akteure im Bericht mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und soll keinen verschnupfen.

Burghard




Schon über ein volles Jahr stand keine Fernreise mehr bei uns an. Eigentlich unglaublich. Ziele hätte ich schon genügend, doch da ist noch unsere kleine Lotti, die junge Cocker Spaniel-Dame. Neun Monate ist sie jetzt bei uns und natürlich ein vollgültiges Familienmitglied. "Also muss sie bei der Reise dabei sein" meint Gabi. Auch ich sehe es so und denke im Geheimen ... jedenfalls bei der ersten Reise. - Mühlhausen in Thüringen sowie Grimma in Sachsen warten schon auf unseren Besuch. Reisebekannte wohnen dort und ihre Einladungen wollen wir erfüllen. Gute Gelegenheit, daraus eine gemütliche, zweiwöchige Autotour ins östliche Deutschland zu konzipieren. Vom 19.05. bis 03.06.2005 soll sie dauern, steht für uns fest. Alles weitere soll der Himmel, der Zufall, die Lust und die Laune ergeben.

Das meiste Gepäck hat unsere kleine Lotti. Noch ein kurzes 'Gassi' und bei Sonnenschein wird in unseren atypischen Urlaub gestartet. Ohne irgendeinen Flug geht's von Düsseldorf über Wuppertal - mit dem ersten Stau - Hagen, Kassel - mit dem nächsten Stau - Eschwege bis zum Städtchen Mühlhausen in Thüringen. Wer kennt schon Mühlhausen, quasi den Mittelpunkt von Deutschland? Auf der Baja California habe ich das erste Mal von Mühlhausen in Thüringen gehört, gestehe auch ich. Warum ist es nur so unbekannt, trotz seiner wunderschönen, restaurierten Altstadt? Es ist die Stadt des Thomas Münzer mit einer noch fast vollständig erhaltenen Stadtmauer, phantastischen Kirchen, Fachwerk wohin man schaut, schlicht ein Genuss durch die Gassen zu schlendern. Das alte, auch Innen sehenswerte Rathaus hat es der Lotti aber besonders angetan; ein Häufchen setzt sie in aller Öffentlichkeit davor. Gott sei Dank ist der Bürgermeister wohl außer Hause, denn ohne amtliche Missbilligung gelingt uns die Beseitigung des Schandflecks in Mühlhausen. Im nahe liegenden, schmuck gestalteten Teehaus können wir uns bei einer Tasse Assam vom Schreck wieder erholen.

Ein Pferderennen gibt's in Gotha, zu dem unsere Gastgeber wollen. Gelegenheit für uns, Gotha ein bisschen näher anzuschauen. Ca. 30 km geht die Fahrt über leicht hügeliges Land. In weiten Feldern leuchtet das knallige Gelb des blühenden Rapps zu uns herüber; wunderschön anzusehen. Einige Ortschaften werden durchfahren. Vom ehemaligen Grauschleier der DDR ist nichts mehr zu sehen, auch nichts mehr zu spüren. Ost und West gleicht sich optisch an. Die Außenbezirke von Gotha erscheinen mir in Bezug auf Restaurierung allerdings erheblich im Rückstand zu sein. Ganz anders als in Mühlhausen. Am gewaltigen, karreeförmigen Schloss auf einem Hügel im Zentrum von Gotha steigen wir aus. Recht klotzig wirkt das Schloss, durch dessen weiten, kahlen Innenhof wir schlendern. Da Lotti weder das Museum, noch sonstige Räumlichkeiten des Schosses ansehen will, geht's auf der Vorderseite wieder raus. Schräg unter uns liegt die Altstadt von Gotha. Ein schöner Anblick. Sehr groß ist das alte Viertel jedoch nicht und schon bald sitzen wir am Markt mit Blick auf das Rathaus, trinken unseren Kaffee und lassen die anderen laufen. Auffallend sind hier die Haare vieler Mädchen. Poppige, rote, gelbe, grüne Strähnen zieren sie, wie im Westen vor einigen Jahren. Und das wird auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt so sein.

Gabi und ich hoffen bei der Abfahrt aus Mühlheim, einen einigermaßen vernünftigen Eindruck bei unseren Freunden hinterlassen zu haben. Auch Lotti ist sauber geblieben und hat weder den Erpel noch die Frösche im Gartenteich verjagt. "Die mit Peter (Sohn) geleerte Flasche Cognac wird Ita uns sicher verzeihen" meine ich zu Gabi auf unserem Weg gen Norden zum Weltkulturerbe, der Stadt Quedlinburg nahe dem Harz in Sachsen-Anhalt. Recht gemütlich zuckeln wir dahin, denn ich sitze am Steuer. Wieder sind weite Felder und hügeliges Land um uns. Mir scheint, jeder Ort der sich sehen läßt, besitzt hier sein eigenes Schloss oder eine Burg. Die bislang so treue Sonne versteckt sich immer häufiger hinter Wolken. Je mehr jetzt die Hügel zu Bergen des Südharzes werden, um so dunkler wird der Himmel und schließlich pladdert es daraus. Höher und höher schlängelt sich die Straße durch dichten Tannenwald.

Die Höhe ist erreicht und ein Parkplatz mitten im Wald gleich dabei. Eine tolle Idee hat sich hier verwirklicht. Aus einem Autoanhänger wird Erbsen- oder Linsensuppe mit und ohne Würstchen für 2,50 Euro verkauft. Guten Appetit wünsche ich mir, spanne den Regenschirm auf und beginne den Napf auszulöffeln. Der clevere Erfinder soll seine Suppe mittlerweile sogar bis nach Amerika verkaufen, höre ich dabei. Quedlinburg ist nicht mehr fern; hinter einem Hügel taucht denn auch gleichnamige Burg und Stadt im Regen auf. Im Stau geht's auf der Ringstraße schrittweise weiter, bis die Burg majestätisch hoch über uns thront. Am steilen Hang darunter ein Häuschen am andern, schmal, hoch oder auch niedrig, aber alle in Fachwerk. Mittelalter pur. Hier sind wir genau richtig, denke ich, finde sogar einen Parkplatz und die Suche nach einer Bleibe kann losgehen. Zu Dritt, zu Fuß, im Regen, ins erste Gässchen hinein.

Fast alle hier aneinander klebenden Häuschen - aber auch herrschaftliche Häuser - sind offenbar in den letzten Jahren liebevoll restauriert worden. Jedes hat seine Eigenart, jedes ist sehenswert. Aufwärts geht's in der alten, gepflasterten Gasse, die zum Schloss hinauf führt. Leider regnet es weiter. Lotti ist schon pitschnass und erscheint mir fast um die Hälfte geschrumpft. Wir lesen "Ferienwohnung frei" und versuchen in der angegebenen Gasse unser Glück. Überaus freundlich wird uns mitgeteilt, dass die freie Wohnung leider nicht für Hunde zugelassen sei. Wagners und Ibrahims um die Ecke vermieteten aber auch. Herr Wagner schaut vom 2. Stock auf uns im Regen stehende Armselige herab und bedauert, dass er keine Hunde nehme. Frau Ibrahim im Fachwerkhause gegenüber hat unser Klingeln offenbar erst gar nicht gehört und zieht schnell den Fenstervorhang wieder zu. In der malerischen Schlossberggasse gibt es einen "Domschatz", ein kleineres Hotel, und das mag Hunde. Ein besonders großes Zimmer bekommen wir deshalb. Auch der Preis ist moderat, ein Hausparkplatz dabei und auf das Frühstück freuen wir uns täglich. Na also. Sogar der Regen hat jetzt aufgehört und das wird für die gesamte Urlaubszeit auch so bleiben :-)

Quedlinburg ist phantastisch. Wir sind begeistert. Keine kleine Stadt und dennoch fast alles Fachwerk aus diversen Jahrhunderten. Hier atmen Tausend Jahre. Niemals wurde Quedlinburg zerstört, auch Brände hat Quedlinburg nicht erlebt, wie fast alle anderen Städte im Mittelalter oder danach. Wahrlich ein Weltkulturerbe. Vom "Domschatz" führt unser Weg über die Flanke des Burgberges mit seinem herrlichen Blick über das rote Dächergewirr von Quedlinburg erstmalig so richtig in die Stadt hinein. Wirklich jedes Haus ist eine Betrachtung wert. Wir bleiben hier stehen, wir bleiben da stehen, was Lotti aber gar nicht gefällt. Schief, krumm, winklig ist alles um uns herum. Gassen zweigen ab, in jede möchte man sogleich wandern. Es ist ein Genuss und wir haben Zeit. Niemand treibt uns, niemand belabert uns, nur Lotti zieht, wie Cocker es halt so an sich haben. Unsere Straße führt an einer Kirche vorbei und endet dann direkt am Marktplatz. Eine mächtige Kirche steht gegenüber und auch das honorige Rathaus, ein wunderschöner Bau. Erstaunlich, dass man Rathäuser meist sofort als solches erkennt.

Tische und Stühle sind vor Restaurants und Cafes auf dem Markt aufgestellt. Ein Tässchen Kaffee kann nicht schaden. Die Häuser um den Mark herum eins schöner als das andere. Fast alle mächtig und mit Stuck oder Malerei vielfach verziert. Ein großes Gebäude ist hinter Planen versteckt; es wird restauriert. Ein weiteres träumt noch davon. Ganz besonders gefällt mir ein dunkelrotes, schmales Fachwerk-Häuschen, das einfach so in den Marktplatz frech hineinragt. Allein sitzen wir hier natürlich nicht. Übermäßig viel los ist aber auch nicht. Vielleicht liegt's heute ja am Wetter. Die Leute, die herumlaufen, sind meist ältere Semester mit grauen Haaren. Das wird mir noch häufiger - später auch in Sachsen - bei Touristen und deren Gruppen auffallen. Eine kleine, lokale Brauerei mit Gaststätte im urigen Brauraum für das Abendessen hatten wir uns schon vorgemerkt. Das Essen und das Bier sind vorzüglich. Roulade mit Klößen sowie Beilagen, deftig, reichhaltig, wie bei Muttern, und das für unter 10 Euro. Aus Düsseldorfer Sicht unfaßbar. Die Freude über Essenspreise endet übrigens erst wieder in Düsseldorf.

Ein sonniger Tag bricht an. Quedlinburg wird für uns noch schöner. Wir stapfen den gepflasterten Weg zum Schloss hinauf. Blick über die Dächer und Kirchen von Quedlinburg, Besichtigung des Doms samt seines Schatzes sowie der Gemächer im Schloss stehen auf unserem Programm. Für Lotti ist nur der Dombesuch gesperrt. Den Domschatz, der nach dem Krieg von einem amerikanischen Soldaten hier gestohlen und für mehrere Millionen von den Erben zurück gekauft werden mußte, hat sie folglich auch nicht gesehen. Dafür konnte sie aber mal am tragbaren, recht sehenswerten königlichen Klosett riechen und bis in die Kellergewölbe mit Fundstücken aus alten historischen Zeiten hinab steigen. Das offenbar für die damaligen kleineren Menschen konzipierte königliche Bett hat sie allerdings mit Nichtachtung gestraft; Lotti bevorzugt halt heutige Standardgröße. - Die Bedienung am Marktplatz kennt uns schon. Sicherlich drei Stunden Wanderung durch die Straßen und Gassen von Quedlinburg liegen hinter uns. Absolut sehenswert ist unser einstimmiger Tenor. Gut, dass wir mal wieder in Deutschland Urlaub machen.

Der Harz und damit auch seine höchste Erhebung mit dem Namen Brocken ist von Quedlinburg aus nicht weit. Gut 300 Tage im Jahr hüllt sich dieser 1.142 m hohe Gipfel allerdings in Wolken, Regen, Kälte und Schnee. Heute aber lacht die Sonne vom wolkenlosen Himmel und gibt uns das Startzeichen für seinen Besuch. Wernigerode ist auf der nagelneuen Autobahn über Blankenburg schnell erreicht; der Brocken samt seinem Fernsehturm grüßt schon herab. Mit einer nostalgischen Dampflokbahn fährt man üblicherweise auf den Gipfel und so wollen auch wir es halten. Gerade noch rechtzeitig wird der kleine Bahnhof 'Westerntor' gefunden, das sauteure Ticket von 30 Euro pro Nase gelöst (Hunde zahlen die Hälfte) und schon dampft der Zug ab. Knüppelvoll sind alle Wagons, an Sitzplätze nicht zu denken. Auf der offenen Plattform zwischen den Wagons sind aber noch 2 Stehplätze frei, auch Lotti schafft's irgendwie.

Stetig aufwärts schnauft die Lok mit ihrer anhängenden Last. Kräftige Dampfwolken werden dabei ausgestoßen und so manches Rußpartikel fliegt mir um die Ohren oder klaube ich aus den Haaren. Mittlerweile auf der Trittbrettstufe sitzend genieße ich jedoch die Fahrt. Mal mit Blick ins tiefe Tal, mal über dicht bewaldete Hänge und Berge, mal öffnet sich der Blick auch weit über das Land. Der Harz ist wunderschön, steht mir im Kopf. Vier Stops liegen schon hinter uns, der Ferienort Schierke ist letzte Station vor dem entscheidenden Gipfelsturm. Kaum zu glauben, viele steigen aus; wir können uns jetzt sogar setzen. Auch Lotti freut sich, dass sie nun ihren teuren Platz auf dem Boden frei in Anspruch nehmen kann, ohne die ständigen abweisenden Handbewegungen der aufgetakelten Dame. Ein kleines, hübsches Mädchen will sie streicheln und erzählt, dass sie schon das 5. Mal in Wernigerode Ferien mache und die ganze Familie jedes Mal auf den Brocken fahre.

Höher und höher geht's hinauf; meist durch dichten, herrlichen Tannenwald. Die Blicke, die sich öffnen, weisen jetzt weit ins Land hinaus. Erstaunlich viele Wanderer sind zu sehen. Neben den Gleisen laufen sie jetzt auf mit Holzbrettern befestigen Wegen; wohl zum Schutz der Natur. Warmes Sonnenlicht liegt auf der unbewaldeten Kuppe des Brocken, der wir uns jetzt in weitem Kreis nähern. Gewaltig wirkt der Fernsehturm auf der Höhe. Die Baumgrenze ist erreicht, dann der kleine Bahnhof sowie diverse Buden, die Souvenirs, Thüringer Bratwurst und natürlich Suppen im Angebot haben. Es herrscht reges Treiben hier oben; ordentlich kühl ist es außerdem. Das Panorama vom Brocken ist wirklich phantastisch. Eine Rundumsicht bis zum Horizont bietet sich heute. Aus einer Ebene erhebt sich der Harz, wie gut zu sehen ist. Nur im Vordergrund stehen die dicht bewaldeten Berge, die von flachem Kulturland mit Feldern bis in die Unendlichkeit umgeben sind. Sogar das leuchtende Gelb des Rapps ist von hier oben erkennbar. Der Brocken aber beherrscht alles. Er ist wahrlich die Majestät im Harz und bis weit darüber hinaus.

Die Höhenluft hat Lottis Verdauung offenbar beflügelt, denn exakt am höchsten Punkt setzt sie Ihrer Majestät eins auf den Kopf. Aber nicht Ihre Majestät kreischt, sondern eine gerade hochgewanderte Dame, sofern man sie dafür halten mag. "So eine Sauerei hier oben" schreit sie doch tatsächlich, was ihr immerhin diesen kurzen Absatz einbringt. Ansonsten hat Gabi aber schon eine passende Antwort bereit, zumal das Tütchen für das corpus delikti bereits in ihrer Hand war.

Der ungemütlich kühle Wind treibt uns alsbald von der kahlen Kuppe des Brocken in den Windschatten am Bahnhof. Erst in vier Stunden geht wieder ein Zug nach unten, stelle ich fest. Warum denn nicht bis zur nächsten Station in Schierke wandern? meint Gabi. Eine Bratwurst genehmige ich mir noch, dann geht's abwärts. Andere haben offenbar die gleiche Idee, eine halbe Völkerwanderung ist auf dem Weg nach unten. Ein wunderschöner, ausgeschilderter Pfad nimmt uns auf. Auch Lotti ist begeistert, schnüffelt hier, schnüffelt da. Die Wanderburschen werden weniger, wir genießen den Wald, die Ruhe, die Blicke über die Berge des Harz um so mehr. Die Sonne bleibt uns treu, dennoch ist es nicht zu heiß. Gemütlich geht es sanft weiter bergab. An einem Abzweig wählen wir den längeren, jedoch bequemeren Weg nach Schierke. Zwei Bänke mit Tisch kommen in Sicht. Ideal für ein kleines Sonnenbad auf der Bank. Nach langer Zeit hören wir mal wieder Wanderer, eine Familie kommt. Das Töchterchen mosert; sie will nicht mehr laufen. Weit vor uns tauchen Häuser am Hang auf. Wohl Schierke.

Der Weg zieht sich. Auf einer Teerstraße müssen wir weiter. Auch Schierke zieht sich die Straße entlang. Noch 800 m durch den Ort und etwa 250 m bergauf zum Bahnhof, wird uns gesagt. Na, wunderbar. Nach meiner Berechnung müßten wir den 5-Uhr-Zug um etwa 1 Minute verpassen. Tatsächlich wird es aber weniger. Vor unseren Augen fährt er nämlich dampfend und pfeifend los. Eine Stunde bis zum Nächsten, erfahren wir. Das letzte Stück bergauf hat uns Dreien den Rest gegeben. Ich brauch ein großes Bier, Gabi einen riesigen Eisbecher und Lotti schlappert Wasser ohne Ende. Fast leer ist der Zug auf der Rückfahrt nach Wernigerode. In Erinnerung bleibt mir ansonsten nur die überaus hübsche Schaffnerin. Am Abend sitzen wir wieder am Markt von Quedlinburg und genießen das Treiben und Ambiente dieser Stadt. Im Ratskeller wird heute gespeist. Warum gibt's diese Qualität und Preise nicht auch in Düsseldorf ? frage ich mich neidisch.

Über eine Stunde dauert die Stadtrundfahrt in Quedlinburg mit dem offenen Bimmelbähnchen. Erst jetzt wird mir bewußt, wie groß diese alte Stadt tatsächlich ist. Und fast überall begeisterndes Fachwerk. Ich staune, wieviel wir noch nicht gesehen haben. Nur gut, dass wir diese Tour machen. Ausgezeichnet auch die begleitende Information durch den Fahrer. Jedes Haus kennt er, weiß um die Entwicklung der Stadt durch die Jahrhunderte, erzählt von Königen und Kaisern, die in Quedlinburg residiert haben. Also weiß ich jetzt auch, dass auf dem kleinen gepflasterten Platz zwischen den Häusern von Wagners und Ibrahims (ihres Zeichens Vermieter von Ferienwohnungen) dem Heinrich die deutsche Königskrone angeboten worden ist, die ihn 919 n.Ch. zum Heinrich I machte. Aus der Schule weiß man schon weiter, dass sein Sohn auf den profanen Namen Otto hörte, jedoch als deutscher Kaiser Otto I - oder auch der Große - verschied. Sein Sohn wiederum nannte sich konsequenterweise Otto II und dessen Sohn natürlich Otto III. Letzterer Otto verstarb schon im zarten Alter von 21 um die Jahrtausendwende 1002, hatte somit keine ausreichende Zeit mehr, selbst noch einen Otto IV zu zeugen, weshalb das Geschlecht der Ottonen mit Heinrich II halt schon 1024 n.Ch. ausstarb. Lachende Dritte waren dann die Salier.

Den nahen Ort Thale - wie Quedlinburg an der Bode gelegen - wollen wir noch besuchen, auch wenn die Beschilderung der Straßen manchmal mangelhaft in den neuen Bundesländern ist. Über Umwege klappt es aber und einer Wanderung durch die Bodeschlucht steht nichts mehr im Wege. Immerhin 10 km haben wir vor uns, obgleich wir das noch nicht wissen. Wenn wir es gewußt hätten, hätten wir die Wanderung erst recht gemacht. Sie ist nämlich ein Gedicht. Selbst Goethe ist in diese Schlucht hinein spaziert, wie an einem Felsen geschrieben steht. Zwar sagt man immer wieder Bodetal, doch ich weiß es jetzt besser, es ist eine wirkliche Schlucht mit schäumenden Wasser und einem Waldbestand, der träumen läßt. Seil und Pickel braucht man nicht, ein gepflegter Wanderweg führt meist mäßig an den Schluchtwänden bergauf und bergab. Unter Bäumen geht's dahin und wenn die Tannen wieder dem Laubwald weichen, wandert man bei Sonnenschein - so wie Gott sei Dank bei uns - unter einem zartgrün schimmernden, manchmal sogar blitzenden Blätterdach voran. Warum habe ich eigentlich vom diesem Gedicht noch nie gehört?

Den letzten Abend in Quedlinburg sitzen wir wieder wie gehabt am Markt. Gut bevölkert ist er heute und angenehm warm ist es auch. Ein Nachtwächter in mittelalterlichem Kostüm mit Laterne kommt langsam über den Platz geschritten. Im Schlepptau hat er eine Gruppe Touristen, die seinen Worten lauschen. Eine abendliche Stadtführung ist es offenbar; nicht schlecht die Idee. Herzhaften Krustenbraten bestelle ich und die Dame neben dran macht's mir nach. Der Markt ist verlassen, als wir in Richtung 'Domschatz' streben. Lotti scheint die Antragung der Königswürde für Heinrich zu mißbilligen, setzt sie doch genau auf dem bewußten Platz ihr abendliches Häufchen. Wir entschuldigen uns nach oben zum Schloss, in dem noch ein Fenster im großen Stiftsgebäude erleuchtet ist. Das also war Quedlinburg.

Nach Grimma in Sachsen wollen wir heute. Zeit haben wir dafür genügend, weshalb ich einen kleinen Umweg über Eisleben einplane. Aus der Schulzeit ist mir dieser Ort nämlich im Zusammenhang mit dem Reformator Luther in Erinnerung geblieben. Über Land geht die Strecke, u.a. durch Aschersleben und andere ...leben. Dieses Wortanhängsel scheint man hier zu lieben, in gleicher Weise wie im Gebiet um den Harz das ...rode. Die neuen Bundesländer hat Rot/Grün offenbar gepflastert mit Windmühlen. Nach allen Richtungen verschandeln diese Windparks, die alles andere als Parks sind, die eigentlich schöne Landschaft hier. Und das noch auf Kosten der Allgemeinheit. Vor Eisleben taucht ein gewaltiger, fast weißer und absolut gradliniger Berg auf. Es ist Abraum der seit 1990 geschlossenen Kupferminen, die hier über Jahrhunderte in Betrieb waren. Von der neuen Umgehungsstraße zweigen wir nach Eisleben ab, das mit diversen Kirchen, aber auch riesigen Plattenbauten herüber schaut.

Ein Parkplatz für Lutherfans ist ausgeschildert. Wir folgen den Schildern durch die Stadt, dann in den höher gelegenen Außenbezirk. Wieder ein Schild für Lutherfans; es zeigt in die Richtung, aus der wir gerade kommen. Wir nehmen den nächsten Parkplatz, den wir finden. Schilder für Fußgänger gibt es auch. Wir folgen ihnen in die Altstadt hinunter, denn das kann nicht falsch sein. Und tatsächlich, wir kommen zum Rathaus samt alten Markt von Eisleben. Gabi nimmt die Stadt gleich beim Wort, denn die Sonne scheint kräftig und bestellt sich eine große Portion der ersten Stadtsilbe. Luther ist in Eisleben geboren und auch gestorben, das wissen wir bereits mit Sicherheit; gibt es doch ein ausgeschildertes Geburts- und auch Sterbehaus. Das Kapital von Eisleben dürfte im wesentlichen wohl nur in der Person des weltbekannten Reformators begründet sein, denn ein bißchen enttäuschend finde ich die Stadt auf unserem Weg zu den beiden Luther-Häusern schon. Liebevoll sind beide Häuser restauriert, mit kleinen Museen darin. Lotti darf aber nicht hinein; die Vorschriften, wird uns bedauernd erklärt. Selbst der Hinweis, dass Lotti in einer protestantischen Familie aufgewachsen sei und sogar in königlichen Häusern, wie etwa Quedlinburg verkehre, ändert nichts an der strengen Auslegung der Vorschriften.

Auf der teilfertigen, nagelneuen Autobahn, die wohl bald Leipzig ganz umschließen wird, ist Grimma an der Mulde nach etwa einer Stunde erreicht. Wie praktisch ist doch manchmal ein Handy. Ein Anruf und schon kommt Jochen angefahren, um uns zum schmucken Schrebergarten mit komfortablem Holzhaus zu lotsen. Wann immer machbar, sind sie nämlich hier draußen, was wir nach einem Blick in diese Idylle bestens versehen können. Auch Lotti hat ein Paradies gefunden ... wenn alles gut geht. Denn nebenan herrscht ein bulliger Rottweilerrüde, der diesen Garten ebenfalls zu seinem Revier erklärt hat. Und da erscheint er bereits, um mal nach dem Rechten zu sehen. Lotti unterwirft sich sogleich, wie es sich für eine junge Dame eben gehört. Mit Wohlwollen wird es registriert und fortan ist die Liebe groß. Der Tag endet in einem ausgelassenen Grillfestival zusammen mit den Nachbarn und ihrem Schäfchen, dem Rottweiler.

Grimma und Umgebung stehen heute auf dem Programm. Allerdings lassen wir es gemütlich angehen, wie wir es schon über eine Woche gewohnt sind. Zum Muldetal hinunter geht die kurze Fahrt. Lieblich sieht das breite Tal aus, durch das sich die Mulde schlängelt. Saftige grüne Wiesen und auch Felder im Grund, eingesprenkelt einige Gehöfte und Häuser, baumbestanden die wallartigen Talseiten. Und dieses harmlose Flüsschen soll eine solch zerstörerische Flut verursacht haben? Man will es nicht glauben. Im August 2002 geschah das Drama, das Grimma so weltweit bekannt gemacht hat. Kein Hochwasser kam, nein, es war eine Flut. Plötzlich schossen die Wassermassen hier durch und ergossen sich in die Stadt. Kaum vorstellbar die Gewalt, die in kürzester Zeit den mit viel Mühe, Geld und Liebe nach der Wende fast abgeschlossenen Aufbau von Grimma wieder zunichte machte.

Auf einer Betonstraße spazieren wir bis an das jetzt niedrige Wasser der Mulde heran. Für die Russen mußte die Straße gebaut werden; aus militärischen Gründen. Grimma war für die Besatzer eine wichtige Garnison. Vor ca. 10 Jahren sind die russischen Soldaten abgezogen; Verwüstung und Chaos haben sie jedoch an allen Orten hinterlassen, wo sie residierten. Die Gebäude praktisch abbruchreif; Taugliches, vom Klosett angefangen bis hin zu Wasserrohren wurde mitgenommen, selbst die Kabel wurden aus den Wänden rausgerissen, hören wir. Vollgesch... die Keller und auch andere Räumlichkeiten. Nun, sie sind weg. Nur einige Zivilisten sind geblieben, die sich offenbar aber gut integrieren. Ressentiments von deutscher Seite scheint es keine zu geben.

An einer alten Klosterruine kommen wir vorbei. Nonnen hatten hier in Marienthron ihr zu Hause oder auch nicht. Wie auf einem Schild zu lesen steht, ist jedenfalls die spätere Ehefrau von Luther mit dem Namen Katharina von Bora zusammen mit anderen Nonnen von diesem Ort geflüchtet. In einem Karren mit leeren Heringsfässern hatten sie sich versteckt. Da auf Brechen des Gelübdes die Todesstrafe stand konnten die Damen allerdings in ihren Heimatort nicht mehr zurück. Somit hatte Luther in seiner Güte die Entflohenen am Hals und versuchte sie daher allesamt irgendwie an den Mann zu bringen. Bis auf die arme Adelige Katharina klappte es ja auch ganz gut. Nur die war stur und wollte den Reformator selbst. Was blieb dem unbeugsamen Luther (jedenfalls in Glaubensdingen) anderes übrig, als einer ehemaligen Nonne ihren Willen zu geben. Die Ehe mit Katharina von Bora wurde jedoch glücklich und fruchtbar. Die Nachkommen bedanken sich sogar noch heute bei Katharina - wie ich zufällig im Internet gesehen habe -, dass sie ihnen den berühmten Namen Luther verschafft hat.

Muldeabwärts, direkt am Eingang zu Grimma, macht eine luftige Hängebrücke für das Fußvolk auf sich aufmerksam. Sie ist neu, wie wir erfahren. Denn die Alte war durch die Flut so grotesk verdreht und in sich verwickelt, dass nur noch Staunen übrig blieb. Ein Stück weiter stehen zwei große Kontore aus vergangenen Zeiten, die zu Eigentumswohnungen umfunktioniert werden. Das Interessante daran sind die aufgemalten Pegelstände der Mulde seit 3 Jahrhunderten. Mit weitem Abstand der Oberste weist das Jahr 2002 aus. Unfaßbar, wenn man davor steht. Viel zu sehen ist von den Wirkungen der Flut jetzt aber nicht mehr. Lediglich einige Hauslücken und wenige ramponierte oder fehlende Fassaden weisen noch auf die Katastrophe hin. Von Grimmas Marktplatz schwärmt Gabi übrigens bis heute, hat sie doch mit Blick auf das schöne Rathaus einen gewaltigen Eisbecher vom Feinsten für 2.50 Euro auslöffeln können.

Dresden, die berühmte Stadt an der Elbe, wollen wir heute nach über 10 Jahren das 2. Mal besuchen. Einen Stein für die Frauenkirche hatten wir damals gestiftet und den wollen wir jetzt ausfindig machen. Jochen spielt den Chauffeur in seinem Mercedes und somit wird die Strecke Grimma - Dresden zur schnellsten Fahrt meines Lebens; an die Rückfahrt mag ich lieber noch nicht denken. Den heißesten Tag des Jahres haben wir für Dresden erwischt. An einem weitläufigen Platz nahe dem Schlossbereich ist noch ein Parkplatz frei. Irgendwie unfertig wirkt hier Dresden, obgleich wir uns im Zentrum befinden. Nur wenige Schritte jedoch und es öffnet sich das herrliche Panorama auf das alte Dresden mit seinen fast schwarzen Sandsteinmauern, Türmen, Zinnen, Balustraden und Dächern. Ein grandioser Anblick. Noch ein Stück weiter und da steht sie, die in neuer Pracht wieder erstandene Frauenkirche. Wahrlich ein einziger Genuss. Harmonie und Schönheit strahlt sie aus. Nicht wuchtig erscheint sie mir trotz ihrer Größe, vielmehr filigran wie ein Kleinod. Einmalig!

Touristen wohin man schaut. Viele drängen jedoch in Richtung der Frauenkirche und wir treiben mit. Um die Kirche herum ist allerdings noch durchgehend Baustelle, nur der Eingang ist offen gehalten. In großer Zahl warten bereits Besucher auf Einlass, so dass wir lieber weiter wandern. Beeindruckend sind hier alle Baulichkeiten. Ein gewaltiges Gebäude aber scheint fehl am Platze, einfach zu modern. Erst nach genauerem Hinschauen wird der Trugschluss klar; es ist nur eine Verhüllung, hinter der restauriert wird. Eine breite Treppe steigen wir hinauf und gelangen auf die wunderschöne, belebte Uferpromenade. Unter uns die Elbe, dahinter Wiesen und Grün bis an wuchtige, honorige Gebäudekomplexe heran. Das jedoch, was Dresden zu Dresden gemacht hat, liegt jetzt majestätisch ausgebreitet und auch in die Höhe wachsend direkt vor unseren Augen. Eine Komposition aus grau-schwarzem Sandstein. Begeisternd.

Lotti zieht uns auf der Promenade voran. Eine lebensgroße, vergoldete Statue, weiblich und mit buntem Fächer in der Hand steht auf einem niedrigen Sockel mitten im Weg. Das ebenfalls goldfarbene, bis auf den Boden reichende Hemd fließt im Wind weich um ihren Körper. Fasziniert schaue ich hin. Keinerlei Bewegung, kein Zittern ist zu sehen. Nur das Hemd fließt leicht weiter. Irgendjemand wirft eine Münze in die Schale vor dem Sockel und wie eine aufgezogene Spieluhr beginnt die Figur sich zu bewegen. Eckig, nachfedernd, wie eingerostet gehen die Arme zu Seite, der Fächer öffnet sich und schließt dann wieder. Auch Kopf und Oberkörper hatten sich mehrfach gedreht, federn jetzt jedoch in die alte Stellung zurück. Ein letztes Wippen und nichts erinnert mehr an Bewegung. Eine weitere Münze klimpert in der Schale. Das Schauspiel wiederholt sich in absolut identischer Weise. Ich kann mich kaum losreißen vor Faszination. Ein Stück weiter steht eine andere Figur; diese ist ganz in Silber gehalten, männlich und mit gewaltiger Knollnase. Faszination pur auch hier.

Die Kathedrale, das Schloss, die Semperoper und natürlich der Zwinger, alles will einzeln aber auch als Ensemble bewundert werden. Gute Führer haben wir ja dabei. Lotti interessiert sich bei der Hitze mehr für die Springbrunnen. Und schon sitzt sie im flachen Becken, läßt sich berieseln. Das Grüne Gewölbe ist diesmal - im Gegensatz zu 1992 - geöffnet und das wollen wir nutzen. Es ist aber weder ein Gewölbe, noch ist es grün, wohin wir kommen. Offenbar wird das Grüne Gewölbe renoviert, denn die vielen Exponate des absolut sehenswerten Schatzes stehen einzeln hinter Glas in weißen hohen Räumen des Schlosses. Dort kann man nur staunen, zu welchen Kunstwerken menschliche Schaffenskraft und Phantasie fähig ist. Gold, Silber, Edelsteine, Elfenbein wurden verarbeitet. Die Materialien also, mit denen sich Kaiser, Könige und Fürsten gern umgeben haben. Natürlich galt das auch für den hiesigen Hausherrn, den August von Sachsen.

Unklar ist mir aber nach wie vor, welchen Titel dieser Sammler der Schätze hatte. War es nun August der I von Sachsen oder der II oder war August gar in einer Person sowohl der I als auch II von Sachsen. Ein Kurfürst von Sachsen liest man hier, ein Herzog von Sachsen aber da und zudem soll er noch König von Polen geworden sein. Wer soll bei diesem Durcheinander noch durchblicken? Jedenfalls wurde dieser von 1670 - 1733 lebende August auch August der Starke genannt, obgleich er politisch nicht die glücklichste Hand hatte. Seine Stärke zeigte er wohl mehr den vielen Mätressen, die er neben seiner unglücklichen Ehefrau hatte. Über 250 Kinder soll er - so wurde am Hofe gemunkelt - gezeugt haben. Eine weitere Leidenschaft von August dem Starken ist ja bis heute zu bewundern, seine Bauwut in und um Dresden sowie das Stapeln von Kostbarkeiten. - Der Steuereintreiber dürfte einen absolut sicheren Job unter seiner Regentschaft gehabt haben.

Welchen der herrlichen Schatzgegenstände ich hätte haben wollen, ist schwer zu sagen aber auch müßig, denn so viel Wächter wie im Grünen Gewölbe habe ich selten gesehen. Eine Sammlung alter, erotischer Bilder und Drucke ist 2 Etagen höher ausgestellt; üppige Damen und allerlei Sauereien kann man sich da anschauen - ebenfalls unter Bewachung, wenn auch dezenter. Nach so viel Kunst bin ich wieder froh, in den Sonnenschein treten zu können. Nur, wo sind Lotti und die anderen? Vor dem Schloss musiziert eine Gruppe Studenten, eine weitere formiert sich zum Chor und verkürzen mir die Wartezeit. Noch ein Blick hinüber zur Frauenkirche und weiter geht die Fahrt in Richtung Pirna. Das Lustschloss Pillnitz direkt an der Elbe - natürlich von August dem Starken - will man uns zeigen. - Wer mehr an Dresden interessiert sein sollte, der klicke mal auf:  Besuchen-Sie-Dresden

Weit ist es nicht nach Pirna. Dennoch verzweifelt Jochen fast: Einmal kann er wegen der Staus nicht aufs Gas treten, zum anderen hat er sich wegen der ständig wechselnden Umleitungen verfahren. Wie das Schloss Moritzburg nördlich von Dresden, ist auch das Schloss Pillnitz südlich von Dresden unbedingt einen Besuch wert. Als niedrig gehaltene, weitläufige Anlage in Karreeform zeigt sich Pillnitz direkt an der Elbe. Ein wunderschöner Park mit altem Baumbestand und einer Art Labyrinth aus Buschwerk liegt gleich nebenan. Die Spielchen, die der liebe August hier mit seinen Damen trieb, stehen einem fast vor Augen. Und spätestens angesichts der blühenden Rarität eines Kamelienbaumes dürfte selbst die standhafteste Barockdame seiner Zeit schwach geworden sein. In heutiger Zeit wird zum Schutz des Kamelienbaumes vor Kälte und Schnee nicht mehr jährlich ein kuscheliges Holzhäuschen drum gebaut, sondern ein nebenan stehender, auf Schienen verschiebbarer Glasbau benutzt. An der Orangerie vorbei wandern wir zum Eingang zurück und wundern uns über die so zahlreichen, dekorativen Kamine auf den Dächern des Schlosses. Jochen hat Recht - wie wir erfahren -, die meisten sind wirklich nur Dekoration.

Zum Abendessen laden wir unsere beiden Gastgeber ein. Morgen wollen wir weiter in die Sächsische Schweiz, zu der Pillnitz eigentlich schon gehört hat. Weit ist es also wirklich nicht. Wir staunen deshalb, dass Monika noch nie richtig in dies Gebiet gefahren ist; und Jochen kennt es auch nur beruflich vom Durchfahren. Wir versprechen deshalb, über die Sächsische Schweiz nach Grimma zu berichten. - Der Himmel sieht etwas eigenartig bei unserer Abfahrt aus. Es wird doch wohl nicht regnen? Bis nach Dresden brauchen wir mit dem Auto heute fast die doppelte Zeit als gestern; ich sitze diesmal am Steuer. Ein Teilstück der neuen Autobahn nach Prag ist fast bis Pirna fertig. Drei Tunnel, einer besonders lang, werden hier durchfahren, dann geht's im Stau durch Pirna. Ein Schild weist den Weg nach Bad Schandau und Königstein; da wollen wir nämlich hin. 25 km maximale Fahrt, lese ich. Wo werden wir heute wohl landen? ist Gabi's Frage.

Bergan fahren wir aus Pirna heraus und auf einer Hochebene geht es durch Wald und Flur, wenn auch mehr durch Flur. Weit reicht dann der Blick über das Land und - was ich in Deutschland selten gesehen habe - hier und da erheben sich Tafelberge. Zweien davon kommen wir immer näher. Der rechte, der wuchtigere Berg scheint was Besonderes zu sein. Immer deutlicher wird erkennbar, dass eine gewaltige Mauer die Höhe umschließt. Der Wald nimmt uns jetzt wieder auf. Eine Abzweigung kommt heran und auf einem Schild ist zu lesen: "Festung Königstein". Die werden wir mit Sicherheit besuchen, sage ich zu Gabi. Aber erst muß ein Quartier gefunden sein. Die Straße führt im Wald kräftig bergab, erste Häuser zeigen sich, der Ort Königstein ist erreicht. Und auch die Elbe sehen wir wieder. Neben der Elbe, die wegen der erhöhten Bahngeleise aber meist verdeckt ist, fahren wir Königstein ab. So ganz überzeugt hat uns das Örtchen jedoch nicht, weshalb wir gradewegs nach Bad Schandau durchfahren.

In einem Tal fließt hier die Elbe. Am Hang verläuft die Straße durch herrlichen Laubwald. Gegenüber im schmalen Bereich zwischen Ufer und Berg beginnt jetzt eine Häuserzeile, die nicht mehr enden will. Es dürfte wohl schon Bad Schandau sein. Eine Brücke wird vor uns durch den Wald sichtbar, bergab geht die Straße und schon sind wir auf der anderen Seite der Elbe in Bad Schandau. Die Kirche liegt rechts, also fahren wir auch nach rechts, denn wo sollte sonst das Zentrum sein. Recht hübsch hier, meint Gabi und das finde ich auch, womit bereits geklärt ist, dass wir hier bleiben werden. Den freien Parkplatz am Markt muß ich gleich wieder räumen: für Behinderte. An der Kirche vorbei, ein Stück weiter die Therme mit Beauty, Wellness u.s.w., u.s.w. (warum kann man nicht Deutsch schreiben?), aber auch Parkplatz. Lotti hat die Elbe gesehen - man sieht sie in Bad Schandau fast immer - und damit einen Rhein-Ersatz. Also müssen wir mit ihr hin. Das erste Bad in der Elbe will sie sich nicht nehmen lassen.

Beidseitig von Wiesen ist die Elbe eingefaßt, gegenüber grasen sogar Kühe. Einen Promenierweg gibt es aber auch und der geht offenbar endlos am Fluss entlang. Am Behindertenparkplatz hat Gabi ein großes I für Information gelesen. Freundlich werden wir dort begrüßt und aus dem Computer die freien Zimmer herausgeholt. Ein Prospekt zeigt gleich die Häuser und ob der Hund durchgestrichen ist oder nicht. Das Gasthaus zum Bären hat ihn rot durchgestrichen und daher wissen wir auch schon, wo wir während des Aufenthaltes in Bad Schandau jedenfalls nicht essen gehen werden. Das Hotel Lindenhof mit 3 Sternen zeigt einen vollgültigen Hund, sieht sehr ansprechend in seinem Stuck aus, der Preis ist vernünftig, wird also gebucht. Wir haben es nicht bereut, sondern sogar verlängert. Groß ist das Zimmer mit Balkon. Lotti muß erstmalig in einem fremden Haus, fremden Zimmer sofort alleine bleiben; wir wollen die Koffer aus dem Auto holen. Ohne jedes Bellen besteht sie diese Prüfung, was ihr natürlich ein Leckerli einbringt.

Das Haus gegenüber hat ein Gartenlokal und da gerade Mittagstisch ist, gehen wir mal rüber. Pfifferlinge in Rahmsauce mit Knödel lese ich, natürlich unter 10 Euro. Besser kann's nicht schmecken und das unter dem Blätterdach einer Linde. Deshalb können wir auch sitzen bleiben, obgleich es leicht zu nieseln anfängt und auch donnert. Wohlig noch einen Kaffee hinterher und die Sonne läßt sich wieder sehen. Für einen Spaziergang an der Elbe entscheiden wir uns, damit Lotti an der langen Leine Auslauf hat und ab und zu ein Bad nehmen kann. Ein hübsches Häuschen steht an der Straße neben dem anderen, mit kleinem Garten außen herum. Frische Farbe haben sie fast alle; denn auch hier hatte das Hochwasser böse Spuren hinterlassen. Der Pegelstand ist manchmal aufgemalt. Das lange Ende von Bad Schandau ist erreicht, der schöne Spazierweg hört ebenfalls auf. Nur noch der kleine Ort Schmilka kommt dahinter und dann schon die Grenze zu Böhmen. Da Tschechien jedoch zur EU gehört, könnte man ohne Kontrolle an der Elbe weiter laufen.

Wir gehen aber den Spazierweg wieder zurück. Am Wellness-Hotel fließt ein kleiner Bach in die Elbe und an seiner Einmündung paddelt friedlich ein Entenpaar auf dem Wasser. Für Lotti schlicht eine Frechheit. Umgehend macht sie den Beiden Beine, oder besser Flügel und paddelt dann selber an der langen Leine herum. Eine Gruppe Wanderburschen kommt vorbei, hält, macht Witzchen über Hund und Frauchen, wandert weiter direkt ins nahe Gartenlokal. Auch für uns keine schlechte Idee, hat man doch von dort einen schönen Blick auf die Elbe. Ein mondänes, nagelneues Elbeschiff liegt am Ufer; es wartet offenbar auf die Rückkehr seiner Passagiere. Ein nostalgischer Raddampfer kommt elbaufwärts und legt ebenfalls an. Viel Schiffsverkehr ist ansonsten aber nicht. Nach dem köstlichen Bier Marke Rademacher freuen wir uns schon auf das Abendessen. Und da wiederum auf die erste Probe von Wein aus Sachsen. Denn auch in Sachsen wird Wein angebaut, insbesondere an der Elbe, wie wir schon gestern bei Pillnitz erstaunt sehen konnten. Er schmeckt uns Rheinländern durchaus gut

Ein sonniger Tag steht an. Zum Frühstück muß Lotti wieder auf dem Zimmer bleiben. In Quedlinburg hat sie es ja schon bestens gelernt. Stolz sind wir auf diese gute Erziehung; andere Gäste mit Hund beneiden uns darum, wie sie offen gestehen. Die Bastei wollen wir heute besuchen, wobei mir noch nicht recht klar ist, worum es dabei genau geht. Zu Fuß wäre es zu weit, also nehmen wir den Wagen. Aus dem Tal der Elbe führt die Straße raus auf die Höhe. Eine Art Hochebene liegt vor uns mit Feldern, Wiesen und Wäldern. Nach links geht der Blick aber noch übers Elbetal und einige Tafelberge dahinter. Ein Stop für ein Photo muß hier sein; unser Auto wird dabei von Caravans fast eingebaut. Mal wieder eine Umleitung, wie so häufig in den neuen Bundesländern. Durch ein tiefes, wunderschönes, bewaldetes Tal erreichen wir aber doch noch auf der anderen Seite hoch oben den Ort Hohnstein mit seiner gleichnamigen Burg. Eine Burg wie aus dem Bilderbuch, halt so, wie ich mir als keiner Bub eine Burg vorgestellt habe. Die Ritter und Burgfräulein sieht man hier förmlich, aber auch die Schmachtenden im dunklen, tiefen Kerker.

Groß sind die Entfernungen in der sächsischen Schweiz wirklich nicht. Selbst bei meiner Fahrweise ist der Abzweig zur Bastei bald erreicht. An einem schon gut gefüllten Parkplatz heißt es aussteigen und laufen. Ganze Busladungen sind unterwegs, was dafür spricht, dass die Bastei was Besonderes sein muß. Eine Ahnung davon sieht man jetzt schon durch die Bäume. Ein Seitenweg führt vor bis zum Abgrund und endlich wissen wir, was es mit der Bastei auf sich hat. Ein Sandsteingebirge pur liegt unter und vor uns. Sind wir hier wirklich in Deutschland und nicht irgendwo im Canyongebiet der USA ? fragt man sich unwillkürlich. Felstürme ragen von tief unten herauf, zerklüftet ist das ganze Tal und überall wachsen diese Türme mal breiter, mal schmäler. In Schichten von mehreren Metern sind sie aber alle aufgebaut und diese klar voneinander abgegrenzten Schichten setzten sich in den gegenüber liegenden, steilen Felswänden fort. Hell, fast weiß ist das Gestein und ganz unten und ganz oben dann das satte Grün des Waldes. Ein phantastischer Anblick ... und das in Sachsen! Ich bin platt.

Nicht satt genug kann ich mich sehen. Gabi entdeckt sogar Kletterer an den Felsnadeln. Zwei sitzen bereits auf der Spitze einer Nadel, die kaum größer als 2 qm sein dürfte, ein Dritter hängt noch am Seil und arbeitet sich langsam nach oben. 20 m Höhe dürfte diese schmale Felsnadel schon haben, geht mir durch den Kopf. Gott sei Dank muß ich da nicht hinauf. Der Hauptweg endet an einem luxuriösen Hotel mit großer Restauration sowie Menschengedränge. Auch ein paar Hunde sind dabei, was Lotti schwanz-wedelnd begrüßt. Am Restaurant schräg abwärts wandern die meisten Leute, andere kommen herauf. Also gehen auch wir mal abwärts, entscheiden uns dann für rechts und stehen vor einer hohen, schmalen Stufen-Leiter. Auch hier Gedränge. Gabi bleibt mit Lotti erst mal unten; mit dem nächsten Schub steig ich nach oben und ... bin wieder platt.

Auf dem Kopf eines Felsturms bin ich hier angelangt; unmittelbar nebenan noch überragt von weiteren Zinnen des Bergstocks. Berauschend der Blick hinunter zur Elbe. Fast senkrecht, tief, tief unten fließt sie vorbei. Zwischen den beiden Tafelbergen Königstein und Lilienstein kommt sie hervor, macht einen majestätischen Bogen um den Lilienstein, dann einen weitern Bogen, um unmittelbar an der Steilküste entlang auf uns zu zu kommen. Nach der anderen Seite verliert sich der Elbelauf im Dunst bei Dresden. So etliche weitere Tafelberge erheben sich hier und da, wie etwa der Papststein, Zschirnstein und auch andere ...steine. Steine werden sie hier genannt, da es keine Berge sein sollen. Den Unterschied habe ich jedoch nicht kapiert. Bis hin zu den Bergen der Böhmischen Schweiz geht die phantastische Sicht. Gabi hat Lotti einfach über die Schulter genommen und ist jetzt ebenfalls rauf geklettert. Auch sie ist von diesem Panorama begeistert.

Den linken Abzweig wollen wir ebenfalls erkunden, denn dort gehen die meisten Leute hin. Und schon wieder sind wir platt. Örtlich genau zwischen unseren beiden bisherigen Plattheiten öffnet sich eine tiefe Schlucht aus der beidseitig gewaltige Felstürme bis zu uns und weiter herauf ragen. Faszinierend zudem: Die Zinnen direkt vor uns sind durch eine alte, dekorative Steinbrücke verbunden, so dass man bequem an und über den Abgründen hin und her spazieren kann. Geht man ganz drüber und noch ein bißchen weiter, was ohne Gefahr möglich ist, kommt man an ein winziges Häuschen, an dem man Eintrittskarten kaufen kann. Nur wofür? erscheint uns etwas sächsisch. Eine mittelalterliche Felsburg soll ehedem hier existiert haben, lese ich. Daher wohl auch der Name Bastei. Und tatsächlich, die verschiedenen Zinnen, Stufen und Köpfe von Felstürmen bilden durch mehrere Holzbrücken, Treppen, Stege eine natürliche, quasi uneinnehmbare Festung. Sogar eine große Steinschleuder und Zisterne ist noch zu besichtigen.

Eine zeitlang genießen wir die herrliche Aussicht von hier oben. Unten im bewaldeten Grund entdecken wir noch einen kleinen blau-grünen See und zu unserem Erstaunen auch eine offene Sandstein-Bühne mit Sitzplätzen im Halbrund. Eine grandiosere Lage dürfte man sich kaum vorstellen können. Einen kleinen Abstecher auf einen der hier höchsten Felstürme wollen wir noch machen. Allerdings nicht senkrecht nach oben, wie der einsame Kletterer in der Wand auf halber Höhe (schon vom Zuschauen kann einem schlecht werden). Nein, wir nehmen den kurzen Trampelpfad, die Leiter und dann die Eisenbrücke rüber auf die Spitze des Turms. Sogar Lotti ist huckepack mit dabei. Warum umständlich ... Eine Suppe mit Blick hinunter ins schöne Elbetal genehmigen wir uns noch vor der Weiterfahrt. Vielleicht sollten wir uns für eine Nacht hier oben mal einquartieren, ist mein Gedanke.

Zeit haben wir heute noch. Deshalb schlage ich Gabi vor, rüber zur Festung Königstein zu fahren. Über die Elbe müssen wir dann allerdings. Vielleicht klappt es ja in Wehlen. Ein Dorf Wehlen und eine Stadt Wehlen gibt es kurz hintereinander. Die Stadt hat aber auch nicht viel mehr Häuser als das Dorf und über die Elbe kommen wir ebenfalls nicht mit dem Auto. Also müssen wir nach Pirna und in den schon bekannten Stau. Was soll's. Das Schild "Festung Königstein" taucht auf und dann ein großer Parkplatz, jedoch erheblich unterhalb der Festung. Unser Versuch oben zu parken, scheitert an Verboten. Aus der Stadt Königstein kommen allerdings hübsche Bimmelbähnchen herauf, die man für das letzte Stück nehmen könnte. Wir laufen aber, um den Eindruck dieser Festung beim Näherkommen zu verinnerlichen. Denn so ein gewaltiges Ding habe ich erst ein Mal in meinem Leben gesehen und das in Rajasthan, die Festung Jodhpur.

Noch einige Meter geht's durch Wald aufwärts, dann stehen wir vor der Mauer. Himmelhoch ragt sie auf. Gewaltig, kraftstrotzend, wahrlich uneinnehmbar. Fasziniert schauen wir senkrecht nach oben. Eine unglaubliche Wucht strahlt diese Mauer aus. Einen Festungsgraben gibt es natürlich auch, der überquert werden muss, um zum Eingangstor zu kommen. Ein Seil hängt von oben herab und ich will es nicht glauben, Bergsteiger sind hier am Werk. Sie machen sich hoch oben gerade fertig zum Abstieg. Um eine weitere, leicht schräg in den Himmel ragende Mauerkante müssen wir herum, dann geht 's wieder aufwärts bis zum Eingangstor und zum Häuschen mit der Kasse. Billig sind die Eintritte bisher noch nie gewesen; aber man sieht stets, es wird was dafür getan. Deshalb hab ich auch nie gemault. Zwar sind wir jetzt in der Festung, doch vor uns wächst eine zweite, ebenso gewaltige Mauer mit weiterem Eingangstor auf. Ein großes Wappen in Stein gehauen ziert die Mauer; es ist das Wappen des polnischen Königs, steht zu lesen. Unglaublich, also war auch hier wieder August zu Gange, mit welchem Titel auch immer.

Der breite Eingang gleicht einem Tunnel, in dem man gut 10 m im Halbdunkel aufwärts steigen muss. Hier wurden nämlich die schweren Geschütze über eine Winde hochgezogen. Fast im rechten Winkel geht's dann auf Pflastersteinen weiter nach oben. Pferde hatten hier das Vergnügen, die Geschütze zu ziehen. Was dabei los war, kann man sich gut vorstellen. Wir jedenfalls stehen wieder in der Sonne; etwa auf Höhe der Mauerkrone, wie ich jetzt feststelle. Wirklich genial angelegt diese Festung, bei der Mauer und Fels sich optimal ergänzen. Gebäude und sogar Wald gibt es hier im Inneren. Mich aber interessiert die Mauer, denn offenbar kann man auf ihr um den ganzen Königstein herumlaufen. Auch Lotti will die Umrundung machen, pieselt noch schnell eins der auf der Mauer stehenden, alten Geschütze an, dann wird die Leine straff. Ob die Soldaten, die hier oben Wache schieben mußten, noch ein Auge für die Schönheit des uns umgebenden Landes gehabt haben mögen? frage ich mich.

Die Blicke sind nämlich herrlich. Langsam spazieren wir um jede Ecke der Mauer und schauen hinunter. Feld und Wald auf Hügeln hier, jetzt das tiefe Bielatal in dem sich eine kleine Ortschaft ausstreckt. Dort der Papststein, Pfaffenstein, in der Ferne die Berge von Böhmen. An einem Verlies für Pestkranke kommen wir vorbei. Unter uns taucht die Elbe auf, dann auch Königstein und jenseits der Elbe der markante Lilienstein sowie weit dahinter die Felstürme der Bastei. Phantastisch die Sicht zur weiten Elbeschleife. Mehr als eine halbe Stunde dürften wir für die Umrundung gebraucht haben. Über Treppen müssen wir jetzt runter und stehen dann wieder am Eingangstor mit dem Zeichen der Königswürde des bauwütigen August. - Auf das Abendessen freuen wir uns wie immer auf dieser Reise. In einem langen Gewölberaum mit hübscher Kellnerin wollen wir speisen. Lotti wird mit Wassernapf und Leckerli als erste bedient; und es ist nicht das erste Mal auf der Tour in die neuen Bundesländer, wie wir positiv vermerken.

Eine Wanderung zu den Schrammsteinen haben wir heute vor. Schon mehrfach konnte ich diese Steine aus der Ferne sehen, die wie eine Wand mit Zinnen wirken. Das ausgezeichnete Prospektmaterial über Wander-, Radel- und Bustouren in der Sächsischen Schweiz - eine kostenlose Angelegenheit - nennt Ostrau als Ausgangspunkt und einen blauen Balken als Wegmarkierung. Also auf nach Ostrau, diesem Weiler von Bad Schandau auf der Hochebene. Eine schwere Entscheidung ist aber noch zu treffen: Nehmen wir den Aufzug oder das Auto? Freistehend, nostalgisch, 100-jährig führt dieser Aufzug in luftige Höhe. Angst hätten wir nicht, doch von Ostrau müßten wir geradewegs ins Tal hinabwandern, durch das die Straße nach Ostrau verläuft. Warum dann nicht gleich das Auto nehmen; einen Parkplatz werden wir schon finden. Ostrau schauen wir uns aber dennoch an. Groß ist es nicht, die Sicht rüber auf den wuchtigen Falkenstein und die nahen Schrammsteine ist das Besondere am Ort.

Nur wenige Parkplätze sind noch frei. Ein Weg führt direkt in den Wald hinein und dort am Baum neben einem roten Punkt auch unser blauer Balken. Durch die hohen Tannen blitzt das Sonnenlicht herab. Gewaltige, dunkle Felsen wachsen links und rechts an den Hängen auf; abgebrochene, übermooste Felsstücke überall. Es ist angenehm kühl im Wald, würzig bis schwach modrig riecht die Luft. Nur leicht steigt der Weg an. Nach links, aber auch geradeaus könnten wir jetzt gehen. Eine Markierung ist jedoch nirgends zu sehen. Wir nehmen den breiteren Weg nach links. Die Tannen weichen, Laubbäume treten an ihre Stelle. Es wird offener, lichter. Hoch oben über unseren Köpfen schimmert das zarte Hellgrün des Blätterdachs herab. Da, wieder der rote Punkt und auch der blaue Balken. Wir fühlen uns wunderbar in dieser sich selbst überlassenen Natur. Sächsische Schweiz heißt dieses Kleinod also. Irgendwo stand zu lesen, zwei Schweizer hätten im vorletzten Jahrhundert diesen Namen geprägt.

Sogar Stufen aus Holzbohlen sind für unseren Weg angelegt. Offenbar werden alle Wanderwege hier gut gewartet, was uns freut. Denn immerhin müssen wir ja auch Kurtaxe in Bad Schandau bezahlen. Ein gewaltiger, senkrecht aufsteigender Felsturm wird durch die Bäume sichtbar. Himmelhoch ragt er neben uns auf. Das kann eigentlich nur der Falkenstein sein, weil er alleine steht. Unser Weg mündet auf einen Breiteren und siehe da, hier rackern sich die Radler ab. Mit hochrotem Kopf kommt der Letzte einer Gruppe herauf, schwingt das Bein übers Radel und schiebt ab jetzt. Den Schrammsteinen sind wir schon sehr nah gekommen. Wie eine grau-schwarze Steinwand sehen sie aus. Ein Turm wächst neben dem anderen empor; die Basis haben sie aber alle gemeinsam. Einen natürlichen Durchbruch soll es jedoch geben, den man das Schrammtor genannt hat. Und schon taucht das Tor, das eigentlich mehr ein Spalt zwischen den Türmen ist, seitlich auf. Der blaue Balken führt uns natürlich dort hin und auch hindurch, denn erst dahinter beginnt das eigentliche Naturspektakel der Türme.

Glatt geschliffen und abgerundet ist das Gestein am Schrammtor, denn jeder latscht hier durch. Und Sandstein ist nun mal aus Sand gemacht und damit alles andere als widerstandsfähig. Früher oder später wird eben alles wieder zu Sand, sogar das ganze Elbsandsteingebirge. Wirklich schade. Gott sei Dank werden wir und auch Lotti, die hier begeistert herum springt, es aber nicht mehr erleben. Millionen von Jahren hat es immerhin auch gedauert, um das Elbsandsteingebirge entstehen zu lassen. Denn genau hier war in der Kreidezeit mal Meer, selbst wenn man es nicht glauben will. Dann kamen die Ablagerungen im Meer durch Abtragung zweier Festlandblöcke, dem Lausitzer und Böhmischen Block. Schicht um Schicht wurde aufgestockt bis auf etwa 700 m. Unvorstellbar, auch was den Zeitrahmen angeht. Grobe, besonders verwirbelte Schichten sind dazwischen, die auf unruhige Zeiten der Erde schließen lassen. Gut erkennbar andererseits sechs meterdicke Ablagerungen mit feinstem Sand. So hoch wie sonst nie in der Erdgeschichte stand während der Kreide das Wasser und der Druck auf den Grund war entsprechend groß. Die Kristalle des Quarz im Sand verbanden sich dadurch und schon war eine feste Sandsteinplatte von ca. 700 m Dicke geboren. Den Rest kann man sich fast denken.

Das Meer ging zurück, der Boden wurde zudem gehoben und die Sandsteinplatte lag frei. Jetzt mal ein Druck von hier, jetzt mal von da, auch von unten und die schönsten Risse waren entstanden. Wind und Wetter konnten nun loslegen. Und dann war da ja noch die mächtige Urelbe. Ab jetzt brauchte nur die Zeit, viel Zeit vergehen, bis wir zwei Hübschen mit der noch hübscheren Lotti an der langen Strippe durch das Schrammtor wandern und das phantastische Ergebnis bewundern können. Das tun wir auch ausgiebig. Die Szenerie der steil aufwachsenden Türme, Wände, Felsnadeln ist großartig. Unten an der Basis des Gesteins führt der Weg durch Wald weiter. Eine Gruppe älterer Herrn, so ab 60 aufwärts, verläßt vor uns den Wanderweg und steigt hin bis zur senkrecht aufragenden Wand. Hier muß wohl was besonders sein, denk ich mir und folge. Es ist aber absolut nichts für mich: Die Herrn machen sich fertig zum Aufstieg mit Seil und Pickel. Und das in dem Alter! Unser Abzweig zum Aussichtspunkt auf den Türmen ist ebenfalls erreicht. Durch einen hohen Kamin über Eisenleitern muß man hinauf, wie wir feststellen. Mit Huckepacknehmen von Lotti ist hier natürlich nichts. Gabi bleibt deshalb erst mal unten.

Eine Leiter folgt der anderen auf meinem Weg nach oben. Schön stabil sind sie und zudem mit griffigem Geländer. Die erste Etappe liegt hinter mir, noch eine zweite Kürzere, dann steh ich schon in luftiger Höhe auf einem der höchsten Sandsteintürme. Das Panorama einzigartig. Rundherum kann man den Blick schweifen lassen, sofern kein anderer davor steht. Denn ich bin wirklich nicht der einzige hier oben. Felstürme einer neben dem anderen. Eine ganze Reihe steht gegenüber. Dicke Mächtige, schmale Hohe, Felsnadeln, Wände, Mauern. Grau bis schwarz die meisten, aber auch helle Stellen und Flächen zeigt das Gestein. Das Markanteste jedoch sind die Schichtungen, die sich an jedem Turm fortsetzen. Wie Würstchen sind sie durch die Erosion vielfach geschnürt. Schon ein toller Anblick. Auf der dünnsten Felsnadel hat es sich ein Bergsteiger bequem gemacht. Mein Neid hält sich jedoch in Grenzen. Ein zweiter schickt sich gerade an, den Fels ebenfalls zu erklimmen.

Weit geht der Blick über die Elbe auf das Land mit seinen durch Wald eingerahmten, riesigen Feldflächen und vereinzelt stehenden Tafelbergen. Die Elbe selbst zeigt nur einen kleineren, fernen Ausschnitt von sich. Tief unten im Tal fließt sie an uns vorbei, verdeckt durch das Steilufer und die Türme. Es wird Zeit, an die beiden Wartenden zu denken. Einige Minuten gönne ich mir aber noch, um rüber zu den entfernten Affensteinen, auf das wunderschöne, dicht bewaldete Tal dorthin und zum Falkenstein zu schauen. Der Falkenstein hat jetzt ebenfalls Besuch bekommen; ein einsamer Kletterer sitzt auf seinem Haupt. Recht schnell abwärts geht meine erste Etappe. Aber was lese ich da. Der steile Kamin war nur für den Aufstieg. Ein zweites Schild weist jedoch auf den Abstieg hin. Auch hier ein steiler Kamin und eine Leiter folgt der anderen. Endlich, ich bin unten. Nur, dummerweise führt jetzt der Weg nicht rechts rum zu Gabi und Lotti, wie ich mir so banal gedacht habe, sondern nach links weiter bergab. Sch ... und nochmals ....

Angesichts der Felswände ist die Entscheidung ohnehin klar: Ich muß wieder nach oben; über sämtliche Leitern und im verbotenen Kamin absteigen. Auf halber Höhe Gegenverkehr. Verdutzt schaut man mich an, steigt dann aber weiter ab. War der nicht schon oben? meine ich fast zu hören. Verschwitzt, außer Atem stehe ich wieder am Verbotsschild. Keiner ist zu sehen, also abwärts. Ohne Gegenverkehr komm ich auch runter. Lotti begrüßt mich freudig, Gabi verhaltener. 'Bißchen früher hättest Du schon kommen dürfen' höre ich und 'andere sind dort drüben runter gekommen'. Das Rätsel bleibt für mich ungelöst. Vielleicht muß man die Schilder in Sachsen und Thüringen nur anders lesen. Durchs Schrammtor geht's zurück auf den Radelweg bis zum Abzweig Richtung Falkenstein. Die 4 Verdutzten von vorhin kommen gerade den anderen Weg hoch und scheinen bei meinem Anblick die Welt nicht mehr zu verstehen. Sollen sie; wir jedenfalls schlagen uns jetzt seitwärts in die Büsche bis der Wagen wieder erreicht ist. Eine absolut empfehlenswerte Tour - wie ich meine -, wenn man meine Eselei nicht nachmacht.

Dumpfes, rhythmisches Bassgedröhn ist zu hören, zu sehen ist nichts. Es kommt aber näher und dann um die Kurve. Ein Jüngelchen sitzt am Steuer, lässig und sich seiner Einmaligkeit bewußt. Die Ohren fliegen mir fast weg, dann wird's wieder leiser und leiser und weit hinten kommt die Kurve. Die Natur um uns erwacht wieder. Dieses Erlebnis ist in den neuen Bundesländern allerdings keine Rarität. - Für das Bielatal haben heute noch Zeit. Dazu müssen wir erst nach Königstein und wenn man schon mal da ist, kann man sich den Ort auch ansehen. Das Schönste hier erscheint mir der Blick hinauf zur Festung. Ein Cafe mit Stühlen draußen kommt uns gerade recht. Lotti erhält wieder als erste Wasser. Mit ihrem Auge scheint etwas nicht in Ordnung zu sein, hat Gabi schon gestern festgestellt. Nicht ganz geöffnet ist es und schimmert rötlich, fällt auch mir jetzt auf. In Pirna sei ein Tierarzt, weiß die überaus hilfsbereite Frau des Hauses und erklärt den schwierigen Weg dort hin. 'Habe ich recht verstanden', fasse ich letztlich zusammen, 'die Hauptstraße mit allen Kurven immer weiter bis zum roten Haus'. Wir finden es und haben - wie fest versprochen - die erste Ampel in Pirna nicht überquert.

Schneller als gedacht, erscheint Gabi mit Lotti wieder aus der Praxis. Tropfen und Augencreme hat sie dabei. Sollte es dadurch nicht besser werden, möchte sie bitte wiederkommen, hat der Doktor gesagt. Beide sind wir jetzt froh, die schwierige Fahrt nach Pirna gemacht zu haben und können nun frohgemut ins Bielatal weitergondeln. Noch vor der Festung Königstein geht's bereits rechts ab. Eine liebliche Landschaft umgibt uns. Es ist einfach schön hier zu fahren und deshalb fahren wir langsam immer weiter. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, hier am Ende der Welt zu sein. Warum nur? Ich kann es an nichts Konkretem festmachen. Verträumt ist es hier sicher, die Uhren dürften auch langsamer gehen, Häuser und Gehöfte aber durchaus in passablem Zustand, viele sogar recht schmuck und liebevoll. Tourismus gibt es offenbar auch, wie die Schilder 'Ferienwohnung' oder 'Zimmer frei' zeigen.

Auf selbiger Strecke fahren wir wieder bis zum Bielatal zurück. Laut Prospekt sollte es hier irgendwo besonders markante Klettertürme geben, doch zu sehen ist nichts. Im bewaldeten Bielatal verläuft die Straße bis nach Königstein und wir folgen ihr. Ein rotes Haus gibt's in Bad Schandau auch, allerdings hier ohne Doktor, jedoch mit Gaststätte, was uns den Eintritt gegen Abend sehr erleichtert. Es schmeckt ausgezeichnet wie immer, nur die Bedienung erscheint uns recht unpersönlich. Eine Seltenheit auf dieser Reise, denn der Konkurrenzdruck in diesem Gewerbe ist offenbar enorm. Hiesige Freundlichkeit dem Gast gegenüber würde ich mir im Westen durchaus öfter wünschen. Auf dem Balkon unseres Zimmers lassen wir den Tag mit Blick auf den nahen Kirchturm, das wunderschön in den Farben Weiß und Gelb restaurierte Patrizierhaus gegenüber und den Kurpark ausklingen. Den Schlußgong setzt natürlich - wie immer - Lotti mit ihrem abendlichen ...

Es ist unser letzter Tag in Sachsen; wegen Lottis argem Auge halten wir eine baldige Heimfahrt doch für besser. Als Wandertipp empfiehlt das Hotel heute den Panoramaweg. Er trägt seinen Namen zu Recht, wie wir bald feststellen sollten. Auf der Höhe entlang des Kirnitzschtales verläuft er und wer will, kann sogar den ganzen Tag bis nach Hinterhermsdorf an der Grenze zu Böhmen wandern. Diesen Ehrgeiz haben wir aber nicht und lassen uns einfach überraschen, wie weit wir kommen. Wiesen, Felder und Wald wechseln sich ab. Oft mit herrlicher Sicht über das dicht bewaldete Kirnitzschtal bis hin zu den Talwänden mit Felstürmen auf der anderen Seite. Gemächlich geht's mal auf und mal ab, Bänke laden zum Verweilen ein. Wir haben Muße, kommen durch zwei kleine nette Ortschaften mit Pensionen oder Ferien auf dem Bauernhof. Hektik scheint hier wirklich ein Fremdwort zu sein. Auch wir lassen uns treiben und nehmen's gelassen, wenn an der Weggabelung mal wieder unklar ist, in welcher Richtung es weiter geht. Die Markierung kommt eben später.

Lotti schnuppert hier, rennt nach da, Gabi wickelt derweil die lange Leine auf und ab. Auch ich muß ran; für Lotti tun wir halt alles. Müde scheint sie überhaupt nicht zu werden, obgleich sie die Strecke sicher doppelt und dreifach gelaufen ist. Kindheitserinnerungen werden bei manchen Pflänzchen und Blumen in mir wach; wie lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Hier finde ich sie also wieder. Völlig unscheinbar sind einige, aber dennoch bin ich innerlich berührt. Der nächste Ort Lichtenhain ist von Ferne schon zu sehen. Ein schnurgerader Weg zweigt vom Panoramasteig sacht zum Kirnitzschtal ab und da just hier auch ein Schild auf den Lichtenhainer Wasserfall verweist, nehmen wir die neue Richtung. Erstmalig seit Stunden tauchen andere Wanderer auf und wie schön, ein Hund ist mit dabei. Wald umgibt uns wieder. Immer steiler müssen wir hinab, ein Weg ist kaum mehr zu erkennen. Dennoch kommen wir Drei im Tal wohlbehalten an.

Auf der Straße müssen wir jetzt weiter. 500 m bis zum Wasserfall steht geschrieben. Es rumpelt und quietscht hinter uns; eine nostalgische Straßenbahn kommt um die Kurve und lädt zum Lächeln ein. Der Lichtenhainer Wasserfall samt zugehöriger Gaststätte ist erreicht. Sicherlich hätte ich den Wasserfall aber übersehen, wenn nicht in diesem Augenblick aus einer Box lautstark ein Männerchor erschallt wäre und der Wasserfall aus 3 m Höhe losgelegt hätte. 2 Minuten schätze ich das Spektakel, dann bricht der Chor, aber auch der Lichtenhainer Wasserfall abrupt wieder ab. War nun der Chor, oder der Wasserfall das Schönere? frage ich mich auf der anderen Straßenseite beim Bier. Auch nach dem 2. Gesang und Wassergeplätscher kann ich mich nicht entscheiden. Für eine Wanderung zum Kuhstall entschließe ich mich deshalb. Nochmals bergauf wandern will aber Gabi nicht mehr, ihr genügt es für diesen Urlaub.

Mutterseelenallein ziehe ich also los und zwar stetig aufwärts. Nicht steil, aber auch nicht gerade flach. Hand in Hand folgt mir ein junges Pärchen, überholt mich dann sogar, was mich schon erstaunt; denn so langsam bin ich nun wieder nicht. Zwischen turmhohen Laubbäumen geht es dahin. Ein bisschen hat es angefangen zu nieseln, doch unter dem Blätterdach merke ich freundlicherweise fast nichts davon. Eine Gaststätte taucht im Wald neben wuchtigen Felsformationen auf, jetzt auch der Kuhstall. Er ist ein breites und gut 20 m weites Felstor, durch das man wandern kann, um von oben herab in ein tiefes, dicht mit Tannenwald bestandenes Tal zu schauen. Wirklich schade, dass Gabi diese herrliche Aussicht nicht sieht. Es scheint ein völlig isoliertes Tal zu sein, kein Haus, kein Weg, ausschließlich Natur bis hin zu den weit gegenüber aufragenden Felswänden. Woher der Name Kuhstall stammt, ist bis heute unklar. Eine Zuflucht für Mensch und Tier, insbesondere in der schlimmen Zeit des 30-jährigen Krieges, dürfte dieser tiefe, schützende und im Wald verborgene Felsdurchgang aber sicherlich gewesen sein.

Im Kuhstall selbst gibt es ebenfalls ein Felstor. Geht man hindurch und wendet sich zwei Schritte nach links, so steht man ganz unten an einem gerade mal schulterbreiten himmelhohen Felsspalt. Und in diesem Felsspalt führt eine Eisenleiter in den Himmel hinauf, weshalb sie auch Himmelsleiter genannt wird. Natürlich will ich in den Himmel steigen und steige deshalb los. Etwas muffig, moosig, feucht riecht es auf meinem Weg in die höheren Sphären und die Helligkeit. Links und rechts kann man sich an den nassen Wänden abstützen und staunt dabei, wie hoch doch der Himmel zwischen diesen Felsen ist. 20 m hinauf dürften es im Spalt wohl gewesen sein und man kann - wie ich in Sachsen schon gelernt habe - nur aufsteigen, aber nicht absteigen. Hier oben soll mal eine Art von Burg gewesen sein, steht zu lesen; vermutlich ähnlich der Bastei. Davon sieht man aber nichts mehr. Der Blick ins Tal hinunter ist das Schöne. Und das Interessante sind die mächtigen Sandsteinquader, die wie aufgestapelt erscheinen.

Wunderbar kann man hier in die Kreidezeit schauen. Spuren, Rillen, Röhren, Löcher wurden durch die Erosion sichtbar gemacht. Eigentlich nichts besonderes, wenn man nicht wüßte, dass längst vergangene Tiere dafür verantwortlich sind. Sie haben am Grund des Meeres gelebt und es sind ihre Zeichnungen, die sie hinterlassen haben. Irgendwie unvorstellbar für mich. Schnell werde ich jedoch wieder in die Gegenwart geholt, denn das Tröpfeln vom Himmel wird jetzt zu einem Regenguss. Da Sandsteintürme aber Gott sei Dank die Angewohnheit haben, einzelne Schichten schneller erodieren zu lassen, finde ich zwischen zwei festeren Schichten rasch ein herrlich überdachtes Plätzchen, sogar mit Blick hinüber zu den Affensteinen. Einziges Manko: Unmittelbar vor mir geht es ..zig Meter steil abwärts ins Tal. Der Regen hört auf, die Sicht übers schöne Tal und die Affensteine ist verinnerlicht, vorsichtig trete ich den Rückweg an. Keine Menschenseele treibt sich zwischen den Felsen noch rum. Auch die Gaststätte hat mittlerweile geschlossen.

Die Sonne kommt wieder hervor auf meinem Weg hinunter zum Lichtenhainer Wasserfall. Ich genieße diese letzte Etappe in der Sächsischen Schweiz. Ich glaube aber sicher, es war nicht das letzte Mal. Mit Quietschen begrüßt mich die Straßenbahn im Tal. In 10 Minuten fährt sie ab nach Bad Schandau, sagt der Schaffner und Fahrer zugleich. Dann zuckelt sie los, immer schön an der Kirnitzsch entlang und auf der linken Seite der Straße. Die wenigen Gäste schuckeln hin und schuckeln her, lächeln jedoch allesamt in sich hinein. Nostalgie - wie schön. Man erinnert sich an alte Zeiten. Die Bahn hält, der Fahrer steigt aus. Die Weiche muß er umstellen; wie es sich gehört, mit einem Eisenstab. Und weiter gehts im Tal. Lieblich, saftig grün ist es, das Wasser der Kirnitzsch glasklar. Das Straßenbahndepot; wieder steigt der Schaffner aus und stellt die Weiche. Rückwärts fährt er jetzt, steigt wieder aus. Aha, der hintere Wagen wird abgekoppelt, dann stellt er die Weiche erneut und wir warten. Jetzt ein Quietschen vor uns. Eine andere Bahn erscheint, hält aber auch. Ein Staffelholz wird übergeben, dann fährt sie weiter. Na klar, wegen der Einspurigkeit. Nur wer das Staffelholz hat, der darf fahren. Wieder Weichenstellung, jetzt fahren auch wir weiter.

Die ersten Häuser von Bad Schandau sind zu sehen. Viele alte Villen sind dabei, meist wunderschön restauriert. An einer Kurklinik geht's vorbei, dann kommt der Kurpark und leider auch die Endstelle. Ich hätte weiter fahren wollen, es war so herrlich schuckelig. Gabi winkt vom Balkon herab. Sie hat schon gepackt. Unser Hotel Lindenhof hat noch ein Schmankerl parat. Ab vier Nächten zahlt man weniger für das Zimmer, auch wenn man nachbucht. Einen Sachsenwein genehmigen wir uns beim letzten Essen in Bad Schandau, vielleicht waren es aber auch zwei. - Sieben Stunden dauert die Fahrt zurück bis nach Düsseldorf. Nicht einen Stau haben wir dabei erlebt, nicht mal in Pirna, nicht am Kölner Ring. Gabi fährt mit Lotti gleich weiter zum Arzt. Ein Riss in der Hornhaut des Auges ist die Diagnose. Es heilt jedoch so blendend, dass wir beim nächsten Treff im Jagd-Spaniel-Club vom Urlaub mit Hund in Thüringen und Sachsen nur schwärmen können.


-   E n d e   d e s   B e r i c h t e s   -


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